ZukunftsköpfeAnke Oxenfarth, Leiterin der Stabsstelle Nachhaltigkeit des Oekom-Verlages im Freien mit Personen im HintergrundAnke Oxenfarth, Leiterin der Stabsstelle Nachhaltigkeit des Oekom-Verlages © Mario González Toimil

Anke Oxenfarth, Oekom-Verlag

Der Münchener Oekom-Verlag setzt sich seit über 30 Jahren konsequent für Nachhaltigkeit und deren Umsetzung ein. Anke Oxenfarth, Leiterin der Stabsstelle Nachhaltigkeit und Verfechterin einer umweltfreundlichen Unternehmenspolitik, gibt vor ihrem Impulsvortrag auf der future!publish Berlin 2020 einen Einblick in „Green Publishing“ und erläutert die langfristigen Ziele von nachhaltiger Verlagsarbeit.

Hallo Frau Oxenfarth. Was genau verbirgt sich hinter dem Begriff „Green Publishing“?

Mitte 2010 haben sich unter dem Label „Green Publishing“ Vorreiter der Branche zusammengetan, um nach Wegen zu suchen, Bücher, Zeitungen und Zeitschriften nachhaltiger herzustellen und zu verlegen. Aus dieser Initiative sind dann die beiden vom Bundesumweltministerium unterstützten Projekte „Nachhaltig Publizieren – Neue Umweltstandards für die Verlagsbranche“ und „Entwicklung eines Umweltzeichens Blauer Engel für umweltfreundliche Druckerzeugnisse“ hervorgegangen.

Das Ziel war branchenspezifische Kriterien für nachhaltiges Publizieren zusammenzutragen, zu dokumentieren sowie neue, anwendungsbereite Standards zu entwickeln und durch eine zielgerichtete Kommunikation der gesamten Branche zugänglich zu machen. Die im Projekt entwickelten Kriterien wurden unter anderem als "Kleines 1x1 des nachhaltigen Publizierens" veröffentlicht und auf der Buchmesse in Frankfurt vorgestellt.

Das Umweltzeichen „Blauer Engel Druckerzeugnisse“ ist wiederum aus dieser Initiative entstanden. Seit März 2015 in Kraft zeichnet es emissionsarme und ressourcenschonende Druckprodukte aus. Oekom als Initiator war in Kooperation mit wissenschaftlichen Instituten und der Frankfurter Buchmesse maßgeblich an der Organisation und Durchführung der beiden Projekte beteiligt.

Sie selbst sind Vorreiter in der Branche, setzen sich seit über 30 Jahren für grüne Ideen und deren Umsetzung ein. Was waren Ihre größten Meilensteine – und worauf sind Sie stolz?

Natürlich auf viele tolle und wichtige Nachhaltigkeitsbücher, die es ohne uns vielleicht nicht gäbe! Und dass es den Verlag trotz schwierigster Rahmenbedingungen schon so lange gibt und wir mit unserem Tun dazu beitragen konnten, dass unser Kernthema jetzt endlich aus der Nische in den gesellschaftlichen Mainstream kommt.

Als Meilensteine könnte ich beispielsweise nennen: Als einer der ersten Verlage Deutschlands kompensieren wir seit 2008 alle unsere CO2-Emissionen. Dabei ziehen wir unsere Systemgrenzen bewusst weit: Unsere Kompensationsleistungen beziehen sich auf unseren Verlagsalltag sowie auf alle Printerzeugnisse. Die Kosten dafür tragen wir und geben sie nicht unsere Kund*innen weiter. Die Investitionen fließen in ein Gold-Standard-Projekt zum Schutz des Klimas und der Biodiversität. Seit 2016 haben wir begonnen, auf die Einschweißfolie aus Plastik zu verzichten und seit 2019 geht jedes unserer Bücher unverpackt in den Handel.

Was können – und müssen andere Verlage tun, um langfristig nachhaltig und umweltbewusst zu produzieren?

Zunächst einmal müssen sich Verlage über den ökologischen Fußabdruck ihrer Produkte klarwerden. Die zwei umweltrelevantesten Phasen der Wertschöpfungskette von Publikationen sind die Papierherstellung und das Druckverfahren. Allein in Deutschland werden jährlich etwa neun Millionen Tonnen grafische Papiere verarbeitet.

Um eine Tonne Frischfaserpapier herzustellen, benötigt man 5,5 Kubikmeter Holz und etwa genauso viel Energie wie für die Herstellung einer Tonne Primärstahl. Für die Gewinnung von Recyclingpapier wird nur die Hälfte an Energie benötigt und zwischen einem Siebtel bis zu einem Drittel der Wassermenge, die bei Frischfaserpapier eingesetzt wird.

In Zeiten von Klimakrise und einem rasanten Verlust von Artenvielfalt kommen auch Verlage nicht mehr darum herum, sich darüber Gedanken zu machen, wie sie ihre Publikationen ausstatten und wo sie sie drucken lassen. Allein schon aus ökonomischen Gründen, denn der grüne Zeitgeist durchweht mehr und mehr auch ihre Zielgruppen.

Wo liegen denn momentan die größten Probleme, bzw. Herausforderungen für die Verlagsbranche?

Verlage müssen sich grundlegende Gedanken über die Ausstattung ihrer Produkte und eine realistische Auflagenhöhe machen. Das erfordert natürlich ein generelles Umdenken und gegebenenfalls muss die Produktion komplett umgestellt werden. Es müssen sofortige Lösungen her, wie beispielsweise der Einsatz von zertifiziertem Recyclingpapier, das schont die Wälder und spart Energie. Auch entfällt der Einsatz von Chemikalien, die bei der Weiterverarbeitung der Holzfasern zur Papierherstellung benötigt werden und das Abwasser massiv belasten.

Ist für einzelne Produkte dennoch der Einsatz von Frischfaserpapier gewünscht, sollten die Fasern aus zertifizierter, nachhaltiger Waldwirtschaft stammen. Denn noch immer werden für die Herstellung von Frischfaserpapieren viel zu viele schützenswerte tropische Regenwälder und boreale Urwälder (Primärwälder) gerodet.

Einige Verlage verzichten bereits jetzt auf eine Folien-Einschweißung – ist es damit getan?

Das ist mit Sicherheit schon ein Anfang. Aber auch die Wahl der Druckerei ist eine entscheidende Stellschraube für die umweltschonende Herstellung von Printprodukten – auch hier gibt es definitiv noch Nachholbedarf. Nachhaltige Kriterien sind hier: Regionale Stoffströme und die Nähe der Druckerei zum Verlag, um lange Transportwege zu vermeiden; das Vorhandensein eines Energiemanagements; maximale Reduktion von Stoffen mit Gefahrenpotenzial für Mensch und Umwelt wie VOC-haltige Löse- und Druckhilfsmittel oder mineralölhaltige Druckfarben; ein geringer Wasser- und Chemikalieneinsatz.

Ein umweltschonendes hergestelltes Verlagsprodukt sollte außerdem nach Gebrauch problemlos jeder stofflichen Verwertung zugeführt werden können. Bei der Ausstattung ist hier u. a. darauf zu achten, möglichst auf Verbundmaterialien zu verzichten, was besonders für die Covergestaltung relevant ist.

Und wie werden diese Kriterien vom Oekom-Verlag umgesetzt?

Für Oekom war und ist Nachhaltigkeit daher Chefsache. Nicht nur, dass Ökologie und Nachhaltigkeit seit Beginn an der thematische Fokus all unserer Publikationen sind, sie gehören auch zu unserer unternehmerischen DNA. Daher leisten wir uns u.a. seit 2011 eine eigene Stabsstelle sowie eine Nachhaltigkeitsbeauftragte – eine Besonderheit für einen Verlag in dieser Größenordnung. Dass wir schon immer so konsequent in Nachhaltigkeit investiert haben, hat uns zu einem Vorreiter in der Verlagsbranche werden lassen.

Dennoch bewegen natürlich auch wir uns in einem schwierigen Marktumfeld. Mehrkosten für Recyclingpapiere stellen für einen unabhängigen Verlag eine echte Herausforderung dar. Hier fehlt uns oft auch die Marktmacht, um beispielswiese das Monopol der Papierlieferanten zu durchbrechen. Auch das war ein Grund die Initiative „Green Publishing“ zu initiieren.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass große Verlagshäuser nicht nur aus PR-Gründen einzelne, ökologisch und sozial nachhaltige Entscheidungen treffen, sondern sich ernsthaft mit Green Publishing auseinandersetzen und ihre Marktmacht sinnvoll nutzen. Schön wäre es auch, wenn die Leser*innen bereit wären, für ein nachhaltig ausgestattetes Buch ein klein wenig mehr zu zahlen. Noch wichtiger aber wäre, dass sie die Bücher nicht alle über den einen großen Buchanbieter im Internet bestellen, sondern direkt über die Homepage der Verlage. Oder wieder öfter mal ein Buch bei der Buchhändlerin um die Ecke kauften.

Vielen Dank für das Gespräch.

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