Detlef Bluhm

Der gebürtige Berliner arbeitete schon als Schüler und Student in Buchhandlungen und Verlagen, ehe er sich als Verlagsvertreter und Verleger selbstständig machte. Seit 1991 ist Detlef Bluhm Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Landesverband Berlin-Brandenburg e.V. und darüber hinaus Herausgeber und Autor zahlreicher Bücher. Aus Anlass des internationalen Verlegerkongresses Ende Juni in Berlin sprach Projekt Zukunft mit Detlef Bluhm über das Publizieren im 21. Jahrhundert und den Perspektiven des Verlagsstandortes Berlin.

 

Was waren die Schwerpunkte des 27. Internationalen Kongresses der Verlegerunion?
"Publishing for a better World" lautete das Motto des internationalen Kongresses. Er unterteilte sich in die Themen ›Inhalte schaffen‹, ›Inhalte verbreiten‹ und ›Inhalte sichern‹. Innerhalb dieser drei großen Themenkomplexe wurden zahlreiche Einzelaspekte der verlegerischen Tätigkeit berhandelt. Dazu gehörten unter anderem die zukünftige Bedeutung des Buches für die Bildung der Menschen, das Verlegen in Entwicklungsländern, die Grundlagen für ein Urheberrecht der Zukunft, die Zukunft des Buchhandels und das Buch-Marketing im 21. Jahrhundert. Allein diesen Themenfeldern kann man entnehmen, dass der Kongress vorausschauen will. Wenn man also von dem Schwerpunkt des Kongresses reden will oder kann, dann heißt er ›Zukunft‹.

 

Mit dem Beitritt mittel- und osteuropäischer Staaten in die Europäische Union ist Berlin wieder in den politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Mittelpunkt Europas gerückt. Welche Impulse sind hierzu vom Berliner IVU-Kongress ausgegangen?

Das Beitrittsdatum der neuen EU-Länder markiert ja lediglich den vorläufigen offiziellen Abschluss eines Prozesses, der auch unsere Branche seit vielen Jahren intensiv beschäftigt hat. Zahlreiche Verlage aus Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren in den Beitrittsländern wirtschaftlich engagiert, sei es in Form von eigenen Firmengründungen, Joint-Ventures oder verstärkten Vertriebsaktivitäten. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der Berufsverband der Verlage und Buchhandlungen in Deutschland, hat vor allem über seine Wirtschaftstochter, die Ausstellungs- und Messe GmbH, zahllose Seminare und Fortbildungsveranstaltungen für die Kolleginnen und Kollegen in diesen Ländern organisiert. Der inhaltliche Bogen des Kongresses ging weit über den Beitritt der neuen EU-Länder hinaus, da auch Verlage aus Ländern am Kongress teilnahmen, für die diese europäische Angelegenheit keine besondere Rolle spielt. Insofern waren hier keine entscheidenden Impulse zu erwarten.

 

Was bedeutet Publizieren im 21. Jahrhundert? Welche neuen Risiken, aber auch Chancen ergeben sich aus dem Einsatz digitaler Kommunikationstechniken für Autoren und Verleger?

Man wird wohl abwarten müssen, um festzustellen, ob es zu diesen Fragen überhaupt allgemeingültige Antworten gibt. Ich kann mir vorstellen, dass viele Fragen in den unterschiedlich geprägten Ländern auch unterschiedlich beantwortet werden müssen. Aber gerade dieser Diskussionsprozess zwischen Teilnehmern an sehr heterogenen Buchmärkten bot die Chance, viel voneinander zu lernen.

 

Im Internet stehen zahlreiche Veröffentlichungen und Fachpublikationen kostenlos zum Download zur Verfügung. Bedeutet das WorldWideWeb Konkurrenz für Verlage? Welche Strategien wurden diskutiert, um den kostenlosen Bezug zu kanalisieren?

Immer mehr Verlage sind in den vergangenen Jahren dazu übergegangen, Inhalte kostenpflichtig ins Netz zu stellen, das Internet also zu einem weiteren Vertriebsnetz auszubauen. Hier tauchen vor allem Probleme für den Buchhandel auf, für die noch Lösungen gefunden werden müssen. Vor allem aber ist festzuhalten, dass sich der einzelne Nutzer inzwischen im Netz mit einer nicht mehr zu bewältigenden Menge von Informationen konfrontiert sieht. Nicht selten tauchen beispielsweise bei der Eingabe eines Suchwortes zehntausende von Homepages auf. Die Aufgabe der Verlage war es in der Vergangenheit immer und wird es auch in Zukunft sein, aus der Menge der Informationen sinnvoll zu verarbeitendes Wissen zu generieren. Das Internet wird dabei eine wichtige Rolle spielen, aber es wird das gedruckte Buch nicht verdrängen.

 

Berlin lockt neue Verlage an, aber auch alteingessene, wie jüngst der Ullstein Verlag, kehren in ihre Gründerstadt zurück. Jedoch sind die großen Verlage nur mit Zweigniederlassungen vertreten, obwohl 2001 bereits rund 12 Prozent aller in Deutschland publizierten Bücher in Berlin verlegt wurden. Darüber hinaus haben Buchhandlungen schließen müssen. Sind dies Berlin-spezifische Probleme oder Ausdruck tiefgreifender Veränderungen, die sich auch aus dem Einsatz digitaler Publikationstechniken ergeben?

Bei den hier angesprochenen Entwicklungen spielt der Einsatz digitaler Produktionstechniken keine wesentliche Rolle. Seit der Wende hat sich die Anzahl der Verlage in Berlin und die Zahl der hier produzierten Bücher stetig vergrößert. Berlin als Verlagsstadt hat sich im Ranking der deutschen Städte auf Platz zwei fest etabliert. Nachdem Berlin im 19. Jahrhundert Hauptstadt des Deutschen Reiches wurde hat es etwa 50 Jahre gedauert, bis Berlin die bis dahin größte Verlagsstadt Leipzig auf den zweiten Platz verwiesen hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich München als Hauptstadt der Verlage etabliert. Nun ist Berlin wieder die Hauptstadt Deutschlands. Und es wird auch wieder einige Jahrzehnte brauchen, bis Berlin sich die größte Verlagsstadt in Deutschland nennen kann. Aber ich bin sicher, dass dies geschehen wird. Dies konnten wir jedenfalls aus der Geschichte schon einmal lernen.