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Deep Dive #21: Der Mensch im Zentrum mit UUX aus Berlin

Usability (Gebrauchstauglichkeit) und User Experience (Benutzererleben) werden zunehmend als Erfolgsfaktoren von Unternehmen wahrgenommen. Produkte, die sich durch gute UUX auszeichnen, werden von Käufern und Nutzern bevorzugt. Studien haben ergeben, dass neben Preis und technischer Kriterien, wie Funktionalität, Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit, Käufer und Anwender zunehmend Produkte auch unter UUX-Aspekten auswählen. Es fehlt jedoch häufig an Expertise oder Wissen über die passenden Methoden. Hier helfen zahlreiche Dienstleister in der Hauptstadtregion.

Nutzer*innenbedürfnisse als Basis für die Entwicklung nehmen

Der Trend auf agile Methoden und New-Work-Ansätze zu setzen statt auf starren Prozessen zu beharren ist nicht gänzlich neu. Daher verwundert es auch nicht, dass man auf der SaaS-Plattform agyleOS rigide Strukturen vergeblich sucht. Das ist gewollt, schließlich handelt es sich um das erste „Betriebssystem für People, Agility & Culture“. „Die Idee von agyleOS ist aus unserer langjährigen gemeinsamen Arbeit entstanden“, erklärt Co-Founder & CPO Christin Löhr, „das System entstand aus vielen Gesprächen mit Unternehmen.“ Seit 2013 experimentierten sie und ihre acht Mitgründer*innen beim Berliner Video-Solutions-Provider „movingimage“ mit den Themen Agilität und People Empowerment. „Uns hat letztendlich ein Betriebssystem gefehlt, welches unseren Bedarf an Selbstorganisation und Transparenz deckt“, so die Wahl-Berlinerin, denn „die meisten Systeme auf dem Markt sind entweder für sehr klassische Prozesse oder nur für spezifische Themen gemacht.“ Das führe dazu, dass zusätzliche analoge und digitale Tools wie OKR (Objectives and Key Results) oder 360°-Feedback eingeführt werden, was alle Beteiligten überfordere. „Wir wollen eine ganzheitliche Betrachtungsweise der Organisation ermöglichen“, meint Löhr. Anstelle von Organigrammen, wie sie in hierarchisch aufgebauten HR-Softwaresystemen zu finden sind, steht bei agyleOS ein agiles Framework im Zentrum, das die verschiedenen Teams und Bereiche abbildet sowie verbindet. Um die Selbstorganisation zu vereinfachen, können alle Beteiligten ihre Skills selbst verwalten. Besonderen Wert legt agyleOS auf Integrationen von Softwaretools wie Umfragen, oder Retro-Action-Tools und KPIs, um den Reifegrad der Agilität zu messen. Das weiß auch Christin Löhr: „Unser UX/UI Designer Deniz hat einen Hintergrund in Infografiken“, erklärt sie, „dadurch ist er sehr erfahren darin, komplexe Inhalte in einfacher und verständlicher Weise grafisch darzustellen. Das Resultat ist eine sehr intuitive Bedienbarkeit.“

Christin Loehr © agyleOS

„Wir haben zu Beginn des Jahres mit den ersten Beta-Kunden gestartet und unser MVP [Anm. d. Red.: „Minimum Viable Product“] im Sommer live gebracht“, sagt Löhr, „mittlerweile sind wir in den operativen Betrieb übergegangen und onboarden die verschiedensten Organisationen.“ Hauptsächlich handle es sich dabei um Unternehmen, die ein Softwareprodukt anbieten oder entwickeln und zwischen 100 bis 300 Mitarbeiter*innen beschäftigen. Generell betreffe aber das Thema Agilität so gut wie jede Branche und Unternehmensgröße. Dank des hohen Verständnisses der Nutzer*innen und einer starken Orientierung an deren Bedürfnissen, hat das Berliner Startup einen Nerv getroffen. Denn lösungs- und nutzer*innenorientierte Gestaltung gilt zunehmend als Erfolgsfaktor für Produkte und Dienstleistungen, zielt sie zumindest auf eine hohe Gebrauchstauglichkeit (Usability) und im besten Fall auf ein positives Nutzungserlebnis (User Experience/UX) ab.

Mit einfachen UX-Maßnahmen zu effektiven Ergebnissen

„Bei UX-Design geht es weniger darum, wie ein Produkt aussieht, als vielmehr wie es funktioniert“, erklärt Kai Wermer, Geschäftsführer der Berliner Agentur Uhura, die seit mehr als 20 Jahren UX-Design-Prozesse für Kund*innen wie Uniper Engineering oder das Heizöl-Unternehmen Total begleitet. Beim UX-Design gehe es darum, die Gewohnheiten, Bedürfnisse, Verhaltensweisen, Motivationen und Emotionen der Anwender*innen wirklich zu verstehen. Ohne diesen explorativen Forschungsanteil im Prozess wird aus UX-Design ein „normales" Webdesign. Es wäre eine verlorene Chance, können doch „bereits einfache UX-Maßnahmen dramatisch bessere Effekte erzielen“, weiß Wermer. „Ein kleines A/B-Testing für ein Feature wie eine Newsletter-Subscription oder Warenkorb sowie eine Überarbeitung der Inhalte und UI-Elemente durch ein erfahrenes UX-Writing können solche Verbesserungen hervorrufen.“ Er spricht aus Erfahrung, wurden doch auf der Total Heizölplattform etwa in A/B-Tests die Service- und Bestellprozesse für Distributionspartner*innen immer wieder optimiert. Mit Erfolg, wie die wachsenden Conversion-Raten zeigen.

Kai Wermer © Uhura Digital GmbH

Inklusive UI/UX im Blick

Auch bei agyleOS setzen Christin Löhr und ihre Kolleg*innen auf ständige Verbesserung der UX, um die Plattform für unterschiedliche Zielgruppen zugänglich zu machen. „Zu unserer Mission gehört, dass wir mit unserer Plattform Diversity in Unternehmen nicht nur sichtbar machen, sondern auch fördern wollen. Denn wir glauben fest daran, dass durch die unterschiedlichen Perspektiven in diversen Teams bessere Resultate erzielt werden“, so Löhr, „und deshalb sind wir natürlich auch in der Pflicht, eine inklusive UI/UX zu liefern, die die Vielfalt der User berücksichtigt.“ Ein Beispiel dafür ist das Aussprache-Feature, bei dem User*innen in ihrem Profil eine Audiodatei aufnehmen und speichern können, um anderen User*innen zu helfen, ihren Namen richtig auszusprechen. Um Features schnell zu testen und umzugestalten, wenn die Usability nicht zufriedenstellend ist, arbeitet das inzwischen 12-köpfige Team im Rahmen von Seminaren eng mit der TU Berlin zusammen.

Die Nähe zur Universität war für agyleOS allerdings nicht der einzige Grund, warum für die neun ehemaligen Kolleg*innen kein anderer Standort in Frage kam. „Zunächst haben wir uns als Gründerteam hier kennengelernt, sodass Berlin von Anfang an unser gemeinsames Drehkreuz war“, erklärt Löhr, „hinzu kommt aber natürlich, dass Berlin für Startups im Software-Bereich immer noch der Standort in Deutschland, wenn nicht sogar in Europa ist.“ Auch zu den Themen Usability & User Experience (UUX) ist in der deutschen Bundeshauptstadt einiges los.

Neben der TU Berlin beschäftigen sich Institutionen wie Vision and Imaging Technologien / Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut, School of Design Thinking / Hasso-Plattner-Institut, Creative Computing / HTW und Artop / Humboldt Universität Berlin damit. Dazu kommen Forschungsgruppen wie das Design Research Lab, das 2005 in den Deutsche Telekom Laboratories und an der TU entstand. Seit dem Wechsel des 20-köpfigen, interdisziplinären Teams an die Universität der Künste Berlin, Fakultät Gestaltung, fünf Jahre später, arbeitet das DRL an Ansätzen wie etwa neuen taktilen Interaktionsformen mit Endgeräten („embodied interaction”) und Textilien („intervowen technologies”). Die lebendige UUX-Szene in Berlin zeigt auch die Vielzahl an kleineren bis größeren Netzwerken, Gruppen und Plattformen wie Hybrid Plattform, Ladies that UX Berlin oder Internationales Design Zentrum.

Von UX Design Awards bis World Usability Day

Das Internationale Design Zentrum kann wohl zurecht als eines der Vorreiter*innen-Netzwerke im Bereich UUX betrachtet werden. Die 1967 gegründete unabhängige Designinstitution mit ihrem multidisziplinären Mitglieder*innennetzwerk vernetzt den Designbereich mit Unternehmen und fördert den Wissensaustausch. Um diese Interaktion zu fördern, spielen Veranstaltungen eine zentrale Rolle. Aus einem solchen Event, nämlich der Ausstellung für gute Usability 2008, entstanden sieben Jahre später die internationalen UX Design Awards. Dabei werden exzellente Lösungen für innovatives Experience Design aus aller Welt prämiert und in Berlin vergeben. Die renommierten Awards sind nicht die einzige Veranstaltung der UUX-Szene, die die deutsche Bundeshauptstadt als Austragungsort gewählt haben. Eine Vielzahl an Konferenzen und Veranstaltungen finden jährlich in Berlin statt. Zum World Usability Day (WUD) am 11. November 2021 reihte sich die Bundeshauptstadt in den Reigen von 200 Veranstaltungen in über 40 Ländern der Welt ein und ermöglichte einen breiten Austausch zum Thema „Design unserer Online-Welt: Vertrauen, Ethik und Integrität“.

Eine der beteiligten Organisationen am WUD in Berlin ist das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Usability. Deutschlandweit unterstützt der Verband kleine und mittlere Unternehmen, die Potenziale von UUX zu erkennen und umzusetzen. Denn: „Je besser die UUX, desto schneller erfolgt die digitale Transformation kleiner und mittlerer Unternehmen“, heißt es auf der Website. Neben Events, Broschüren und anderen Informationsmaßnahmen, fokussiert sich das Kompetenzzentrum vor allem auf die Durchführung von Pilotprojekten. „Nach unseren Erfahrungen besteht bei den Startups und den KMU zumeist schon ein Grundstock an Wissen“, erklärt Prof. Dr. Markus Feufel von der TU Berlin, seines Zeichens Ansprechpartner für die Region. Dieses kann in den Methoden-Workshops oder kostenlosen Pilotprojekten ergänzt, verfeinert und ausprobiert werden. Wie solche Pilotprojekte konkret aussehen können, erzählt Feufel anhand eines Beispiels aus dem Jahr 2019: Damals wollte die Organisation Climate Rebels Menschen Wege aufzeigen, wie sie beim Kauf von Produkten den entstandenen CO2-Fußabdruck kompensieren können. Um die potenziellen Nutzenden kennen zu lernen, führte die Pilotprojekt-Gruppe eine Bedarfsanalyse anhand von rund 1.400 Teilnehmenden durch. Als nächstes wurde in einer Fokusgruppe eine detaillierte Anforderungsliste für die Funktionalitäten klimaneutraler Produkte und Dienstleistungen erstellt. Eine Customer Journey am Beispiel „Fliegen“ sollte dann die Informationsdarstellung der CO2-Kompensation für die Nutzer*innen bei einzelnen Touchpoints aufzeigen.

Prof Dr Markus Feufel © Philipp Arnold

Oft mangelt es den Unternehmen nicht am notwendigen Know-how. Vielmehr ist laut Prof. Dr. Markus Feufel „das fehlende Verständnis bei den Auftraggebern, dass gut zu bedienende Software etwas teurer ist als Software, die nicht auf die Nutzer*innen zugeschnitten ist“ eine der größten Herausforderungen. „UUX-Maßnahmen gelten oft als nice-to-have, wenn es um die konkrete Umsetzung in Produkten geht“, führt er weiter aus. Außerdem führt insbesondere bei Startups und kleinen Unternehmen die hohe Fluktuation von Mitarbeiter*innen dazu, dass Wissen leicht wieder verloren geht.

Vielfältige UUX-Szene mit steigendem Bedarf

Das sind Herausforderungen, die der wachsenden Bedeutung des UUX-Bereichs in der Bundeshauptstadt wenig anhaben können. Schon im Jahr 2016 wurden laut Feufel bei einer Marktrecherche 34 Unternehmen identifiziert, die als UUX-Agenturen oder Dienstleister auftraten. „Seitdem sind einige der Unternehmen wie UseTree, Userlutions oder Human Factors Consult kräftig gewachsen“, so der Experte, „dazu kommen noch viele Freiberufler*innen. Zusätzlich haben deutschlandweit bekannte Dienstleister*innen wie Ergosign oder UiD ebenfalls Stützpunkte in Berlin aufgemacht. „Diese Unternehmen sind teils auf ein überregionales Angebot angewiesen, weil die Nachfrage vor Ort nicht ausreicht“, erklärt Feufel. „Die Szene in Berlin ist vielfältig und stillt mit den vielen kleineren Unternehmen und Freiberuflern die vielfältigen Bedarfe der regionalen und überregionalen Unternehmen.“

Insbesondere Menschen mit Arbeitserfahrung im Bereich UUX seien gefragter denn je. „Ausbildungsangebote wie der Masterstudiengang Human Factors an der TU Berlin versuchen daher schon in der Ausbildung zukünftiger UUX Professionals über Praxisseminare und Projekte mit Unternehmen erste Erfahrungen zu ermöglichen“, so der TU-Professor und fügt hinzu: „Branchenabhängige Unterschiede sind unseres Erachtens nicht zu erkennen. Der Bedarf ist überall hoch.“

In der Themenreihe “Deep Dive” gibt Projekt Zukunft regelmäßig Einblicke in aktuelle Technologien der Digital-, Medien- und Kreativwirtschaft und informiert über Akteure, Trends und Anwendungen aus Berlin.