Johanna Hahn, Geschäftsführerin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels – Landesverband Berlin-Brandenburg e.V © Cordula GieseJohanna Hahn, Geschäftsführerin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels – Landesverband Berlin-Brandenburg e.V © Cordula Giese

Johanna Hahn, Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Als im Zuge des Shutdowns Ende März weite Teile der Wirtschaft in Deutschland heruntergefahren wurden und sich das öffentliche Leben in die eigenen vier Wände verlagerte, waren Buchhandlungen eine der wenigen Betriebe, die praktisch system-relevant waren. Im Projekt Zukunft-Interview erklärt Johanna Hahn, Geschäftsführerin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels – Landesverband Berlin-Brandenburg e.V., warum Buchhandlungen durch die Corona-Krise eine Renaissance erleben und wie kreativ Buchhändler*innen wurden, um ihre Kundschaft auch weiterhin mit Literatur zu versorgen.

Wie hat sich die Corona-Krise auf die Branche ausgewirkt? Das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels meldete Umsatzeinbußen von 30 Prozent im März im Vergleich zum Vorjahr und viele Buchläden mussten ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken…

Als auf der Pressekonferenz am 17. März die Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci die Verordnung über erforderliche Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 verkündete, war der Jubel groß: Vom Shutdown ausgenommen war neben wenigen anderen der Buchhandel! Das Land Berlin setzte damit ein deutliches Signal. Buchhandlungen sind „geistige Tankstellen“ und damit eben auch systemrelevant. Denn gerade in Krisenzeiten brauchen Menschen Zugang zu geistiger Nahrung – ob Unterhaltung, Weiterbildung oder als Lektüre für die Kinder, nicht nur im Homeschooling.

Doch leider führte diese Situation in Berlin nicht dazu, dass alle Buchhandlungen ohne Einbußen durch den Lockdown kamen: Die Blitzumfrage des Landesverbandes Ende April 2020 zeigte, dass rund 22 Prozent der Buchhandlungen dramatische Umsatzeinbußen im März hatten! Bei 11 Prozent der Antworten lag der Umsatzrückgang sogar deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 30 Prozent. Und selbst die Läden, die durchgehend geöffnet blieben, hatten in dieser Zeit enorm gestiegene Logistikkosten, z. B. durch die Auslieferung von Kundenbestellungen.

Dennoch möchte ich mit Blick auf andere Branchen behaupten: Der Berliner Buchhandel ist mit einem blauen Auge davongekommen!

Es gab auch Projekte aus dem Büchermarkt, die sich aus der Not heraus entwickelt haben – können Sie hier Beispiele nennen?

Sachsen-Anhalt und Berlin waren die einzigen Bundesländer, in denen die Buchhandlungen geöffnet bleiben durften – natürlich unter strengen Hygiene-Auflagen. Diese Verantwortung nahmen (und nehmen) die Berliner Buchhändler*innen sehr ernst.

Entsprechend der räumlichen Situation in der eigenen Buchhandlung wurden unterschiedliche Modelle entwickelt. Manche Buchhandlungen verkauften nur über die Türschwelle oder die Verkaufsräume wurden umgeräumt, damit der notwendige Abstand gewahrt bleiben konnte. Manche Läden reduzierten die Öffnungszeiten, einige entschieden, ihre Läden für den Kundenverkehr zu schließen. Aber alle boten ihren Kund*innen an, Bücher online zu bestellen.

Der Buchhandel hat die Nase vorn in Sachen Digitalisierung, fast jede Buchhandlung hat eine Website mit Online-Shop und bietet die Möglichkeit, unter zwei Millionen lieferbaren Büchern auszuwählen. Selbstverständlich standen die Buchhandlungen – nicht nur in Berlin – Kund*innen persönlich, telefonisch oder online beratend zur Seite.

Wie flexibel reagierte der Handel, bzw. der Vertrieb, auf die erschwerten Bedingungen?

Hinter dem Service, innerhalb von 24 Stunden ein Buch zu besorgen, steht eine enorme Logistik, die für Kund*innen nicht sichtbar ist und nicht von ihnen bezahlt werden muss: Bücher haben feste Preise und es ist Sache der Buchhändler*innen, die Bücher so schnell wie möglich zu besorgen.

Selbstverständlich mussten die Zwischenhändler im März ihre Abläufe an die Corona-bedingten Hygienevorschriften anpassen und z. B. in zwei Teams arbeiten. Die Umstellung hat aber sehr gut funktioniert – auch, wenn in den ersten Wochen nicht jedes bestellte Buch gleich am nächsten Tag verfügbar war. Aber es gab keine „Lieferkrisen“ im Buchhandel!

Die Entscheidung von Amazon, die Auslieferung von Büchern den Bestellungen von Gütern des täglichen Bedarfs nachzuordnen, war eine unternehmerische Entscheidung und kein Versagen der buchhändlerischen Logistik.

Hat die Corona-Krise vielleicht aber auch eine Kehrtwende eingeleitet – gegen die überforderten Lieferdienste von Amazon & Co. Wurden die Buchläden an der Ecke wiederentdeckt?

Was für eine schöne Überraschung in unsicheren Zeiten: Die Buchhandlung im Kiez besorgt mein Buch und legt es wie abgesprochen vor die Wohnungstür! Keine Lauferei, keine zusätzlichen Kosten! Tatsächlich haben in den vergangenen Monaten einige Leser*innen den Luxus für sich entdeckt, Bücher vor Ort zu bestellen und sich beim nächsten Besuch sogar fachkundig beraten zu lassen.

Neue Kund*innen sind in jeder Buchhandlung willkommen. Die Frage ist nur: Wird die Entdeckung des „Local Hero“ begleitet von einer politischen Haltung oder bleibt der Besuch der Buchhandlung ums Eck ein einmaliges Abenteuer?

So wurden beispielsweise die Berliner Kiezbuchhandlungen von ihren Kunden unterstützt und dort Bestellungen aufgegeben. Konnten so Buchläden gerettet werden? Oder wird es noch die Nachwirkungen geben, die in der Gastronomie und Clubszene so gefürchtet werden?

Viele Kolleg*innen haben darüber berichtet, wie positiv ihre Kundschaft mit der Situation umgegangen ist: Es gab Anerkennung, dass sich Buchhändler*innen selbst der Ansteckungsgefahr ausgesetzt haben und einen Ort boten, an dem „normal“ eingekauft werden konnte.

Kund*innen wussten auch die Kreativität und den Einsatz zu schätzen, was in Buchhandlungen gemacht  wurde, um Bücher an die Leser*innen zu bringen, z. B. bei der Online-Beratung oder Lieferung per Fahrradkurier. Näher zusammenrücken und sich in der Krise solidarisch zu zeigen, sind Phänomene, die an vielen Stellen in der Gesellschaft zu beobachten waren und noch sind. Beispielsweise sind bei den Berliner „Lieblingsorten“ natürlich auch Buchhandlungen dabei!

Diese Solidarität hilft auf wirtschaftlicher und emotionaler Ebene. Dabei sollte nicht vergessen werden: Ein Buch zu kaufen, ist ein Gewinn – auch für Leser*innen! Ich persönlich hoffe sehr, dass die Solidarität mit dem Buchhandel vor Ort und die Wertschätzung der Leistungen, die Buchhandlungen erbringen, über die Pandemie hinaus Bestand haben.

Nur so kann die Buchhandelsmetropole Berlin erhalten bleiben! Denn hinter den Buchhandlungen stehen Verlage und Autor*innen, die durch die Corona-Krise noch härter getroffen wurden. Und ohne ein filigranes Netz von Buchhandlungen wird es für unabhängige Verlage und deren Autor*innen sehr schwer werden, nach der Krise durchzustarten.

Wissen Sie, welche Bücher und Schriftsteller am begehrtesten waren?

Den einen Spitzentitel für die Pandemie gab es nicht – sieht man von dem kurzen Run auf Albert Camus »Die Pest« ab. Klassiker der Moderne erfreuten sich größerer Nachfrage und – wie Buchhändler*innen berichten – Krimis und Kinderbücher. Es ist nicht erstaunlich: Wer will denn nicht endlich mal wieder ein richtig dickes Buch lesen, wenn er Zeit hat, oder Kindern die langen Tage mit Bilderbüchern und schönen Geschichten aufhellen?

Der Börsenverein hat kostenfreie Online-Seminare angeboten, die Besitzern Tipps für den Social-Media-Auftritt oder das Newsletter-Marketing gegeben haben – wird das weitergeführt? Und wie war die Resonanz?

Unsere kostenfreien Weiterbildungsangebote waren ein Signal der Solidarität an die Mitglieder, die durch die Pandemie existenziell bedroht waren. Im Land Brandenburg blieben Buchhandlungen während des Shutdowns geschlossen und insbesondere kleine, unabhängige Verlage hatten (und haben) große Mühe, ihre Bücher in Corona-Zeiten sichtbar zu machen.

Denn man darf nicht vergessen: Die Leipziger Buchmesse und auch alle Lesungen während und auch lange nach der Messe mussten abgesagt werden. Bundesweit war der Einkauf, gerade bei Neuerscheinungen, zögerlich. Da ist es überlebenswichtig, Aufmerksamkeit zu wecken und die Konkurrenz im Netz ist ja groß! Und natürlich kann man immer dazulernen. Unsere kostenfreien Webinare waren tatsächlich schnell ausgebucht! Im Herbst starten wir wieder mit handverlesenen Seminaren für Buchhandlungen und Verlage, die allerdings kostenpflichtig sind.

Sie sagten zu Beginn der Corona-Krise „Das Buch ist krisensicher“ – würden Sie das auch heute noch unterstreichen?

Es gab und wird immer Unkenrufe geben, dass Bücher aus der Mode kommen. Dabei denken viele nur an das gedruckte Buch, das als „Holzmedium“ aus der digitalisierten Welt gefallen zu sein scheint. Die Buchbranche steht aber in erster Linie für Inhalte, die ganz selbstverständlich in unterschiedlichen medialen Formaten zu haben sind: Im Fach- und Wissenschaftsbereich können es Datenbanken sein, es gibt zu vielen gedruckten Büchern ein E-Book oder Inhalte, die nur als E-Book erscheinen, nicht zu vergessen sind Hörbücher, die auch über Streamingdienste genossen werden können.

Das ist nur der Status Quo, die Entwicklung wird von kreativen Köpfen in der Branche weitergetrieben. Aber bis jetzt habe ich ja nur über Formate gesprochen. Inhalte, lassen Sie mich es der Einfachheit halber Bücher nennen, sind krisensicher und haben Zukunft: Wo sonst könnte ich selbstbestimmt und unzensiert neue Welten und Perspektiven kennenlernen? Ich halte es mit Jorge Luis Borges, der gesagt hat: „Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn.“ Einen neuen Blick auf die Verhältnisse braucht man nicht nur in der Krise!

Welches Buch liegt bei Ihnen momentan auf dem Nachttisch?

Es ist eine Sucht – ohne Bücher in greifbarer Nähe ist an Einschlafen nicht zu denken! Auf dem Nachttisch stapeln sich die Bücher. Ich lese momentan von Jörg Fauser „Schlangenmaul“ und von Lioba Happel „dement“.