reverse.supply: Recommerce-Plattform für die Modeindustrie

Kategorie: Zukunftsköpfe

Von links: Die drei Gründer von reverse.supply Max Große Lutermann, Konrad Hosemann und Janis Künkler

©reverse.supply

Nach wie vor ist der Anteil der Modeindustrie an den weltweiten Treibhausgasemissionen groß. Auch in Deutschland ist man sich dieses Problems bewusst. Allein in Berlin sind 4.800 Unternehmen im Modebereich tätig und die Branche erzielte bereits im Jahr 2021 einen Umsatz von 5 Milliarden Euro.
Seit 2007 unterstützt die Senatsverwaltung Berlin über ihre Landesinitiative Projekt Zukunft die Entwicklung der lokalen Modebranche mit über 20 Millionen Euro, darunter auch Projekte, die sich besonders für einen regenerativen Modekonsum einsetzen.

Zu den erfolgreichsten Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit in der Branche gehört das Konzept Circular Fashion, das auch mehr und mehr den sich verändernden Kund:innenbedürfnissen entspricht. Und so wächst der Markt für Secondhand-Mode. Bislang aber meist über C2C-Marktplätze, denn die Modelabels selbst tun sich aufgrund des hohen logistischen Aufwands eher schwer damit, in die Zweitverwertung ihrer Ware einzusteigen.

Diese Lücke möchte das Berliner Startup reverse.supply schließen, das Janis Künkler, Max Große Lutermann und Konrad Hosemann 2021 gegründet haben. Über ein eigenes Logistikzentrum in Berlin bieten sie einen All-in-One Recommerce-Service an, der es Unternehmen ermöglicht, neben ihrer regulären Ware auch gebrauchte Kleidung, Retouren, Überhänge und B-Ware direkt über ihre eigene Website weiterzuverkaufen. Das Team um die drei Gründer übernimmt dafür im Hintergrund alle operativen und technischen Aufgaben. Damit möchte reverse.supply Anreize für Modemarken schaffen, sich nachhaltig am Wiederverkauf zu beteiligen. Armedangels, Globetrotter und Bergzeit beispielsweise sind schon dabei.

Für ihr Konzept einer nachhaltigeren Modeindustrie wurde das Startup 2022 mit dem Bundespreis Ecodesign von Bundesumweltministerium (MBUV) und Umweltbundesamt in der Kategorie Service ausgezeichnet − die höchste staatliche Auszeichnung für ökologisches Design in Deutschland.

Für Projekt Zukunft Berlin haben die drei Gründer Janis Künkler, Max Große Lutermann und Konrad Hosemann von reverse.supply über Details ihrer innovativen Plattform sowie über Herausforderungen und Pläne gesprochen.

Ihr drei seid angetreten, den Lebenszyklus von Fashion-Produkten zu verlängern. Könnt ihr kurz euer Geschäftsmodell umreißen?

Janis: Gerne. Wir bieten Modeunternehmen eine White-Label-Plattform an, über die sie ihren Kund:innen die Möglichkeit geben können, gebrauchte Ware zu kaufen und ihr somit einen zweiten Lebenszyklus zu geben. Wir übernehmen dabei sämtliche internen operativen und technischen Prozesse beim Wiederverkauf der Ware, vom Ankauf über die komplette Logistik von den Endkund:innen zu uns. Unser Ziel ist es, den sekundären Zyklus in der Modebranche so zu gestalten, als würde mit Neuware gehandelt werden. Für Konsument:innen soll der Kauf eines Secondhand-Produkts dem Kauf von Neuware in nichts nachstehen.

In unserem Recommerce-Lager in Berlin-Tegel bewerten und fotografieren wir jedes Kleidungsstück, das bei uns eintrifft, bereiten es auf und laden es dann als Artikel in die jeweiligen Online-Shops unserer Partner-Modemarken hoch. Dort können die jeweiligen Endkund:innen dann die Secondhand-Ware neben der Neuware sehen, kaufen und gegebenenfalls auch wieder retournieren.

Die Idee dazu hatten wir 2020. Denn irgendwann haben wir uns gefragt: Warum nutzen Mode-Unternehmen bislang diese offensichtliche Chance nicht, die Kreislaufwirtschaft zu erweitern und gleichzeitig davon zu profitieren? Mit unserer Full-Service-Lösung für Modemarken und Retailer schließen wir da eine Lücke. Wir halten dies für eine absolute Zukunftsinvestition für Modeunternehmen und eine sehr sinnvolle Ergänzung zum initialen Verkauf.

Ihr seid also eine Art Mittler. Erzählt mal, was zu den operativen und technischen Prozessen im Detail alles dazu gehört und wie das funktioniert.

Max: Die Handarbeit ist unsere größte Herausforderung. Denn was uns geschickt wird, sind ja alles Einzelstücke. Initial identifizieren wir die Kleidung. Das geht bei vielen Modemarken sehr einfach, über eine ID im Etikett oder in den Waschhinweisen. Bei anderen müssen wir mit einer Bildsuche arbeiten, die wir eigens dafür entwickelt haben. So können wir ermitteln, aha, das Teil stammt aus Saison 2014 und hat damals 100 Euro gekostet, das könnten wir demnach jetzt, basierend auf dem Algorithmus, den wir entwickelt haben, für 40 Euro ankaufen, um es dann für 60 Euro weiterzuverkaufen ... Dann wird die Ware bewertet, beurteilt und fotografiert.

Und hierbei gibt es eine weitere Herausforderung. Denn bei Fotos von E-Commerce-Artikeln ist vor allem die Bearbeitungszeit teuer. Daher machen wir das computergestützt und damit kosteneffizienter. Im Wesentlichen geht es darum, die Fotos automatisiert freizustellen und dem Hintergrund im Online-Shop des jeweiligen Kunden anzupassen. Wir finden es dabei sehr wichtig, die Originalteile zu fotografieren. Die Kund:innen möchten ja den Zustand sehen, und Secondhand-Ware sieht nun mal anders aus als Neuware. Durch diese ehrlichen Bilder reduzieren wir die Retouren.

Der letzte Punkt ist dann das Einlagern. Wir haben ein Lagermodell, das es uns ermöglicht, auf jeder Ebene nachzuvollziehen, wer was wann eingeschickt hat und wie der Zustand war. Wenn zwei Leute das gleiche Teil eingeschickt haben, priorisieren wir entsprechend, weil wir die Auszahlung schnellstmöglich garantieren möchten.

Und wofür in den Prozessen setzt ihr bereits Machine Learning ein?

Konrad: Was uns als junges Unternehmen natürlich immer einschränkt, sind die Kosten. Und alles, was man automatisieren kann, reduziert die Kosten. Daher setzen wir auf Serverless-Cloud-Technologien, um flexibel mit dem Bedarf zu skalieren. Machine Learning setzen wie im gesamten Preisbestimmungsumfeld ein, auch bei der Priorisierung der Bearbeitung. Unsere Vision ist es, mit Hilfe von automatisierter Bilderkennung, Computer Vision, beispielsweise zu erkennen, um welches Farbschema oder um welche Stoffzusammensetzung es sich handelt. Da gibt es aber noch ganz viel Luft nach oben und viele Möglichkeiten, wie wir auch gemeinsam mit unseren Partner:innen wachsen.

Wo seht ihr momentan Herausforderungen für euer Nachhaltigkeitskonzept?

Janis: Das Thema Nachhaltigkeit ist auch in der Modebranche wahnsinnig wichtig und viele Unternehmen machen sich mittlerweile, auch pressewirksam, Gedanken darüber. Natürlich geht es aber auch darum, Mut zu zeigen, wenn es wirklich ums Handeln geht. Und das ist noch nicht überall der Fall.

Auf der einen Seite ist Secondhand in der breiten Masse angekommen und wird viel gehandelt. Auf der anderen Seite jedoch sind die Unternehmen selber, die die Mode in den Kreislauf bringen, oft sehr zögerlich. Wir setzen uns dafür ein, hier die Berührungsängste fallen zu lassen. Ein Prozess, von dem nicht nur die Verkäufer:innen und wir profitieren, sondern auch die Marke, die einen zusätzlichen Umsatzkanal bekommt. Darüber kann man auch die Art, wie Kleidung hergestellt wird, von Grund auf neu denken.

Mit Recommerce den Lebenszyklus verlängern – wie oft ist das eurer Erfahrung nach möglich?

Janis: Das ist eine spannende Frage. Momentan wahrscheinlich nur ein-, zweimal. Outdoor-Sachen, die von der Person, die sie kauft, vielleicht nur einmal getragen werden, natürlich deutlich öfter.

Was aber besonders wichtig ist: Was wir mit reverse.supply gerade aufbauen, ist ja eigentlich nur der Einstieg in eine Art Lebenszyklus-Veränderung. Wenn wir Modemarken davon überzeugen, dass ihre Ware zwei-, drei-, viermal verkauft werden kann und dabei jeweils eine Marge herausspringt, dann könnten sie in der Produktion von Anfang an Stoffe einsetzen, die langlebiger, nachhaltiger sind. Das ist es, worauf wir langfristig abzielen: den Mode-Herstellungsprozess nachhaltiger zu machen.

Das klingt gut. Aber was passiert mit Produkten, die durch die Qualitätskontrolle fallen?

Janis: Leider ist es so, dass wahnsinnig viel produziert wird. Bei Ware, die für drei Euro im Verkauf produziert wird, gibt es keine Lösung, sie noch mal irgendwie in einen zweiten Kreislauf zu bringen, weil sich Bewertung, Transport etc. nicht rentieren. Es gibt auch Kleidung, die nicht mehr wiederverkauft werden kann, weil sie aufgrund von Flecken zerstört wurde. Bei allen anderen machen wir das transparent und weisen die Defekte aus.

Ich freue mich besonders über die Partnerschaften, wo Marken sagen: Unsere Kleidung ist so gut, die nehmen wir zurück, reparieren sie und laden sie dann über reverse.supply als repariertes Teil wieder in unseren Shop hoch. Das ist Kleidung, die eine Geschichte erzählt.

Wie seid ihr gestartet? Und welche Erfahrungen habt ihr dabei mit dem Standort Berlin gemacht?

Berlin ist einer der besten Standorte in Deutschland überhaupt, wenn es um Startups geht. Wir haben viel Unterstützung bekommen, beispielsweise durch lokale Business Angels. Das sind größtenteils Berliner Leute aus der Startup-Szene, mit denen man sich sehr schnell und unkompliziert zum Austausch treffen kann. Das hat uns auch geholfen, die ersten Finanzierungsrunden zu sichern, immerhin fünf Millionen Euro. Zudem hatten wir ein Startup-Stipendium der Beuth Hochschule für Technik Berlin. Und schließlich ist Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie gemeinsam mit uns in London gewesen, um auch dort vor Ort potenzielle Kunden zu identifizieren. Allerdings: In unserer Kundenliste gibt es noch kein Berliner Modelabel. Das wollen wir ändern.

Ihr seid jetzt seit zwei Jahren am Markt. Was waren die wichtigsten Learnings seit eurem Start?

Viele Modemarken haben anscheinend gar nicht auf dem Schirm, was da alles in der Welt herumfliegt. Wir sind super stolz, auch große Nachhaltigkeitsmarken überzeugt zu haben, dass deren verkaufte Kleidung auch weiterhin einen Wert hat. Aber dass wir da überhaupt überzeugen mussten, hat uns wirklich überrascht.

Und auch, plötzlich so deutlich vor sich zu sehen, wie viel Kleidung eigentlich gekauft und verkauft wird und in unserem vollen Lager vor uns hängt, wie viele Sachen die Menschen eigentlich also gar nicht brauchen. Wir bewerten bis zu 50.000 Kleidungsstücke monatlich. Und das ist ja erst der Anfang.

Was sind eure Ziele für 2023?

Wir möchten weiterhin tolle Partner:innen finden, mit denen wir gemeinsam dieses Jahr erfolgreich bestreiten werden. Zu unseren Wachstumsplänen gehört auch, dass wir hier in Berlin tolle Talente finden, die sich unserer Firma anschließen und das Team ergänzen wollen. Und schließlich: Wir möchten bis zum Jahresende 1.000 Tonnen CO2 über unser System einsparen.

Das klingt gut. Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!

 

Kontakt

Johanna Dramé

Mode, Fashion Hub

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