ZukunftsköpfeAndré Bernhardt, Indie Advisor © Hannes MeierAndré Bernhardt, Indie Advisor © Hannes Meier

André Bernhardt, Co-Gründer Indie Advisor

Computerspiele sind aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken und mit rund 200 Games-Unternehmen, zentralen Verbänden, Institutionen, speziellen Ausbildungsstätten und zahlreichen Games-Events bietet Berlin die dichteste und vielfältigste Industrie in Deutschland. Doch neben weltweit erfolgreichen AAA-Studios wie Ubisoft / Blue Byte, King und Yager sind auch die vielfältigen Indies ein nicht mehr wegzudenkender Teil des Berliner Ökosystems. Einer, der die lebhafte Szene der Indie-Games wie seine Westentasche kennt ist André Bernhardt. Bei Projekt Zukunft spricht der Berliner, der mit seiner Firma Indie Advisor kleine Entwicklerstudios berät, über die Games-Metropole Berlin, die Spiele-Förderung in Deutschland und die EGX in Berlin, auf der er den Bereich Indie-Games kuratiert und betreut.

Sie kuratieren auf der EGX Berlin den Bereich Indie-Games. In einem Bewerbungsverfahren konnten sich Indie-Projekte auf insgesamt 50 Plätze bewerben. Worauf können sich Indie-Fans auf der EGX freuen? Welche Games werden für Schlagzeilen sorgen?

Auch wenn es vermessen klingen mag, fragen Sie mal einen Familienvater nach seinem Lieblingskind. Der wird ihnen auch nicht sagen, das ist ganz klar Peter. Ich persönlich freue mich darüber, dass wir die gesamte Vielfalt der „Indiewelt“ abbilden, sei es hinsichtlich der Internationalität – wir haben 50 % nationale und 50 % internationale Indie-Entwickler vor Ort – und auch im Bezug von Genre und Setting. Denn wir decken so ziemlich alles Vorstellbare und Unvorstellbare ab: Seien es Tentakelsimulatoren in VR, Katzen-Rollenspiele, handgezeichnete Rundenstrategie auf mittelalterlichen Pergamenten oder Golfspiele, die keine Golfspiele sein wollen. Man darf durchaus gespannt sein!

Die EGX ist 2019 zum zweiten Mal in Berlin und hat letztes Jahr mit 15.000 Besuchern einen bemerkenswerten Einstand gefeiert. Können Sie uns kurz das Konzept der EGX beschreiben und was sie neben dem Indie-Bereich zu bieten hat?

Bei der EGX dreht sich alles um Spiele. Nicht nur um das Spielen selbst, sondern alles, was damit in Verbindung steht. Wir haben dieses Jahr über 60 Speaker und mehr als 40 Vorträge und Panel-Diskussionen und das nicht für Fachbesucher, sondern für die Gamer selbst. Für unsere Besucher ist Gaming ein wichtiges Element ihres Lebensstils. Sie reden gerne darüber, diskutieren mit Gleichgesinnten, manchmal streiten sie auch, aber sie suchen immer nach neuen Informationen und Impulsen. Es geht aber nicht nur darum, mehr zu erfahren, sondern auch mehr zu erleben. Es muss viel gespielt werden. Ob Indies oder die so genannten Blockbuster. Aber zum Beispiel eSports findet bei uns auch in einer aktiven Form statt, indem sich Besucher von Profis coachen lassen können, wie in einer Fahrschule. Bei den Vorträgen fördern wir auch den Dialog am Ende jeder Session, aus genau dem gleichen Grund. Das alles macht die EGX zu einer sehr erwachsenen Veranstaltung, die sich seriös, aber unterhaltsam mit dem Thema Videospiele auseinandersetzt.

Sie kennen die Szene sehr genau. Wie sieht die tägliche Arbeit eines Beraters für Indie-Games aus und wie kam es dazu Indie Advisor & Company zu gründen?

Ich hatte lange Zeit im Business Development bei verschiedenen deutschen Publishern gearbeitet. Zuletzt bei einem Münchner Browsergames-Entwickler, der in nur drei Jahren von 100 auf 250 Mitarbeiter wuchs und habe dabei festgestellt, dass ich lieber mit kleinen agileren Teams zusammenarbeite als in großen Strukturen. Daraufhin habe ich mich auf meine Kernkompetenzen konzentriert und mich entschieden, externes Business Development für kleine, unabhängige Entwicklerstudios zu betreiben. Im Alltag sieht das dann so aus, dass ich viel unterwegs bin und Veranstaltungen, Konferenzen sowie Messen besuche, zahlreiche Emails schreibe und Anrufe führe.

Früher fristeten Indie-Games eher ein Dasein im Schatten der globalen Entwickler mit AAA-Titeln. Wie sehen sie die Wahrnehmung heute?

Indie-Titel können auf vielen Ebenen nicht mit AAA-Titeln konkurrieren, aber sie sind unschlagbar, wenn es um darum geht, kreativer, innovativer zu sein oder – auch kritische – Nischenthematiken zu behandeln. Viele Spieler*innen haben heutzutage Interesse daran, nicht nur den gleichen Einheitsbrei im siebten Aufguss zu spielen, sondern orientieren sich bewusst in Richtung kreativer Indie-Titel. Es spricht nichts dagegen eine Partie Fußball in Fifa zu spielen oder dass ein oder andere Gewehr in Call of Duty zu benutzen, aber für manch einen – mich eingeschlossen - ist es eine spannendere Erfahrung einmal als Gans Schabernack zu treiben (Honk honk – es geht hier um: „Untitled Goose Game“ für die, die es ebenfalls nachempfinden wollen).

Wie einfach ist es heute für Entwickler ein Indie-Game an den Start zu kriegen?

Die Markteintrittsbarrieren sind so gering wie nie. Digitale Distribution, günstige Grafikengines und vielfach vorhandenes Wissen in Form von Tutorials, etc. machen es einfacher denn je Spiele zu entwickeln. Die echte Herausforderung liegt heutzutage darin das Spiel zu vermarkten und zu monetarisieren. Heutzutage darf man nicht mehr nur guter Entwickler sein, sondern sollte zumindest unter Aspekten der Nachhaltigkeit des eigenen Engagements in der Spieleindustrie unternehmerisch denken – wenn man nicht rein künstlerisch aktiv sein möchte.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat auf der Gamescom die Bedeutung der Branche hervorgehoben. Wie schätzen Sie den Status Quo der Games-Förderung ein und was braucht damit Deutschland und Berlin als Standort konkurrenzfähig und attraktiv zu bleiben?

Deutschland ist ein großer Absatzmarkt für internationale Videospiele. Der Anteil deutscher Produktionen am erzielten Umsatz ist jedoch sehr gering und nimmt kontinuierlich ab. Das kann man hinnehmen oder man steuert dagegen. Ich freue mich sehr, dass die Regierung sich dazu entschieden hatte, eine bundesweite Förderung aufzusetzen, um diesen Zustand zu ändern (so wie es viele andere Staaten auch erfolgreich tun oder getan haben, wie z.B. Finnland oder Kanada). Ich hoffe nur inständig, dass die Förderung auch 2020 wieder verfügbar sein wird und nicht nur einmalig angeboten wurde.

Welche Trends sehen Sie ganz allgemein in der deutschen Szene und in Berlin speziell?

Man kann betrachten, dass deutsche Indie-Entwickler nicht mehr zwangsläufig bei deutschen Publishern landen, sondern auch international Aufmerksamkeit erregen und gezeichnet werden. Das freut mich sehr. Darüber hinaus ist es schön zu betrachten, dass sich kleine Entwickler zunehmend zusammenschließen und gemeinsam in Büros oder Coworking-Spaces arbeiten. Sei es etwa bei Happy Tuesday, Mad about Pandas oder dem Entwickler-Kollektiv Saftladen. Zusammen mit den zahlreichen Events vor Ort in Berlin und besonders Kreuzberg kann man von einer sehr lebhaften Indie-Szene sprechen. Es würde mich weiterhin freuen, wenn sich der Trend fortsetzt und zunehmend mehr internationale Entwickler*innen nach Berlin kommen würden.

Können Sie den Satz bitte beenden: „Berlin ist…“

…international! In meinen Augen ist Berlin hinsichtlich Spielentwicklung die internationalste Stadt Deutschlands. Es ist für mich nach wie vor ein Vergnügen, hier seit sieben Jahren leben und arbeiten zu können.