Joachim von Zepelin und Christian Ruzicska vom Secession Verlag © Mathias BothorJoachim von Zepelin und Christian Ruzicska vom Secession Verlag © Mathias Bothor

Ein ausgeklügeltes Literaturspektrum

Am 7. November 2021 wurde nun bereits zum vierten Mal, gemeinsam von den Berliner Senatsverwaltungen für Kultur und Europa sowie Wirtschaft, Energie und Betriebe, der Berliner Verlagspreis im Deutschen Theater verliehen. Zusätzlich zum Verleih des Großen Verlagspreises und der zwei Förderpreise, erhielten auch drei Verlage der Shortlist ein Preisgeld.

Der Große Berliner Verlagspreis ging in diesem Jahr an den Secession Verlag. Die mit 35.000 Euro dotierte Auszeichnung wurde dem Verlag für Literatur internationaler zeitgenössischer Autorinnen und Autoren zuerkannt. Im Statement der sechsköpfigen Jury hieß es: „Der Große Berliner Verlagspreis gilt einem ausgeklügelten Spektrum deutscher und internationaler Literatur, in dem jedem einzelnen Titel die Liebe zum Objekt Buch anzusehen ist.“

Hochwertige Literatur und hochwertige Materialien

Hochwertige Literatur, hochwertige Materialien – das war von Anfang an das Ziel des Secession Verlags. Gegründet wurde der Verlag von Christian Ruzicska und Susanne Schenzle am 18. August 2009 im Prenzlauer Berg. Im heimischen Wohnzimmer, unweit des Käthe-Kollwitz-Denkmals von Gustav Seitz. Der Name sollte etwas Besonderes sein: „Wir hatten eine Liste angefertigt, darunter wurde auch mit unseren Familiennamen gespielt, aber die klangen zu kompliziert, um sie in einen Verlagsnamen einzubinden. Und dann fiel mir plötzlich der Begriff ‚Secession’ ein. Ich rief unseren damaligen Designer Boris Kochan an, der mit uns und seinem Team das ganze Grunddesign des Verlags entwickelt hat, und fragte ihn, was er von dem Begriff als Namen für den Verlag halte: Seine Antwort war typographischer Natur: Das ist ganz wunderbar, das sind ja nur runde Buchstaben bis auf das ‚I’, und den Schnitt, den dieser Name bedeutet, den machen wir durch den Namen selbst, die Lücke, die dadurch entsteht, füllt ihr mit euren Inhalten. Und genau das haben wir dann auch gemacht“, erinnert sich Christian Ruzicska. Heute bildet Joachim von Zepelin den anderen Teil des literarischen Duos.

Mit einer literarischen Sensation zur Verlagsgründung

Ruzicska, der bereits mit Michael Zöllner den Tropen Verlag gegründet hatte, trug sich mit dem Gedanken, es noch einmal zu versuchen. Denn bereits der Tropen Verlag mauserte sich innerhalb kürzester Zeit zu einem Independent-Verlag, der in der Branche große Beachtung fand. 2007 wurde der Verlag an Klett-Cotta durch seinen Kompagnon ohne sein Wissen verkauft – eine unschöne Geschichte, über die Christian Ruzicska nicht mehr sprechen möchte.

Ausschlaggebend für den Neuanfang war ein Werk seines Studienfreundes Steven Uhly, der ihm sein Romanmanuskript „Mein Leben in Aspik“ schickte: „Ich wusste, der Text ist eine literarische Sensation. Und zugleich lernte ich 2018 Catherine Houssay kennen, die mich bis heute berät, was die französische Literatur betrifft: Sie machte mich auf Hélène Bessette aufmerksam, auf den Amerikaner deutscher Herkunft Ludwig Lewisohn, später auch auf Jérôme Ferrari und Emmanuelle Bayamack-Tam, und dann war klar: Wir haben den Grundstein für ein grandioses Programm zusammen. Nicht zu vergessen: Der Berliner Kunstsammler Christoph Müller hat uns dann den Gründungskredit gewährt, wofür ich ihm mein Leben lang dankbar bin.“

Die Verlagsfamilie wächst stetig

Zu den Autorinnen und Autoren des Secession Verlags gehören neben Steven Uhly solche Ausnahmetalente wie Deborah Feldman, Marie Darrieussecq und Jérôme Ferrari – Deborah Feldman machte mit ihrem Buch „Unorthodox“ Furore, das auch verfilmt wurde. Jérôme Ferrari erhielt mit seinem Werk den begehrtesten Literaturpreis Frankreichs, den „Prix Goncourt“: „Ich war tief beeindruckt, dass Jérôme Ferrari auch nach seinem Preis bei uns geblieben ist. Er ist loyal, schlicht und einfach loyal. Und er weiß, was es heißt, sich für einen Menschen und sein Werk zu entscheiden, überhaupt, was es heißt, eine Entscheidung zu fällen und ihr treu zu bleiben“, so Ruzicska und ergänzt: „Wir begleiten unsere Autoren bei ihrer Arbeit sehr intensiv, wir denken gemeinsam mit ihnen, geben ihnen all unsere zur Verfügung stehende Kraft, sind häufig an den Prozessen des Entstehens von Texten beteiligt. Es entstehen Freundschaften. Wirkliche Freundschaften. Catherine Mavrikakis hat mich etwa auf der Frankfurter Buchmesse, wo sie zu Gast war, eingeladen, zu Weihnachten zu ihr nach Montreal zu kommen. Eine wunderbare Geste. Man sieht daran, wie sehr unsere Autoren schätzen, was wir für sie tun. So hat sich die Familie erweitert und die Stimme des Verlags ist auf interessante, vom Leben selbst geprägte Weise, polyphoner geworden.“

Texte publizieren, die sich nicht anbiedern

Und wie hat man als Verleger den „richtigen Riecher“ für gute Autorinnen und Autoren? Man publiziert, was man selbst lesen will, sagt Christian Ruzicska: „Auf die Literatur übertragen, heißt das, Texte zu publizieren, die sich nicht anbiedern, in einem System wie dem unseren, ist das ja geradezu schwierig geworden, also immer wieder Texte, die das Wagnis eingehen, auf besondere Weise kritisch und schön zugleich zu sein, emotional eigenständig, sprachlich eigenartig im buchstäblichen Wortsinn. Der gebürtige Schweizer, der auch als Übersetzer arbeitet, hebt insbesondere die Reihe „Femmes de Lettres“ hervor: „In einer Zeit, in der wir täglich sehen, wie stark die Diskurse zur Gendertheorie Gehör finden, können wir Bücher vorlegen, die eindeutig zeigen, wie klug Frauen schon vor mehr als 400 Jahren demonstiert haben, dass der Geist, der Esprit kein Geschlecht kennt, und das gerade, weil sie als Frauen geschrieben haben. Sie können der Debatte von heute vieles hinzufügen. Und die Reihe wird kein Ende finden, es gibt viel zu entdecken, das kann ich versprechen.“

Verlagsprogramme für das nächste Jahr stehen

Die Programme für das nächste Jahr stehen ebenfalls bereits fest: „Im kommenden Frühjahr wird es einen Roman geben, der für mich persönlich von immenser gesellschaftlicher Bedeutung ist: ‚Vista Chinesa’ von der brasilianischen Autorin Tatiana Salem Levi, sie ist jüdisch-türkischen Ursprungs. Eine Freundin hat ihr die Geschichte ihrer Vergewaltigung anvertraut, nachdem sie gespürt hat, wie sehr 2014 der Staat Brasilien und mit ihm die Polizeigewalt in Korruptionen verwickelt war. Der Text zeigt in seiner behutsamen und zugleich schonungslosen Erzählweise, wie man mit Mitteln der Literatur gegen die Machtzentren eines Staates eine so persönliche, von Scham, Schuld und Gewalt geprägte Erfahrung vermitteln kann. In Brasilien hat der Text ganze Bewegungen hervorgerufen, wo Frauen endlich Mut gefasst haben, zu reden, zu sprechen, ihre eigenen Wahrheiten öffentlich zu machen. Und dann haben wir Jakub Małecki im Programm mit seinem Roman ‚Saturnin’, ein Meisterwerk. Und Ádám Bodor, ein ungarischer Meister des literarischen Schreibens, ach, ich kann gar nicht aufhören zu schwärmen, aber was soll ich machen, ich bin von allen Texten, die da kommen, begeistert, und ich hoffe, ich kann diese Begeisterung ansteckender sein lassen, als so manche Tagesnachrichten, die unser Leben gerade schwierig machen!“

Seit 20 Jahren in Berlin zu Hause

Der Secession Verlag sei ein in der Schweiz gegründeter und in Berlin beheimateter Verlag, so Ruzicska: „Die Stadt ist für mich seit 20 Jahren meine Heimat. Vom ersten Augenblick an, als ich hergezogen bin. Meine Großmutter mütterlicherseits stammte aus der Gegend östlich von Berlin, mich zog es immer schon in den Osten. Es ist eine Stadt, die in ihrer Vielgestaltigkeit, ihrer historisch gesehen unfassbaren Ereignisdichte, tagtäglich dazu einlädt, neu erkundet zu werden. Und das gilt auch für die Menschen, die hier leben. Wir kommen von überall her. Wir bringen unsere Geschichten mit. Wir sind international. Wir leben Weltbürgertum im gemeinsamen Miteinander, das darf man nicht unterschätzen. Das ist eine wunderbare Basis.“

Über den Berliner Verlagspreis

Ins Leben gerufen wurde der Berliner Verlagspreis im Frühjahr 2018 von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa und der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe. Mit insgesamt 68.000 Euro ist der Berliner Verlagspreis die am höchsten dotierte Auszeichnung ihrer Art in Deutschland. Ziel des Preises ist es, die Vielfalt der Berliner Verlagsbranche zu fördern, den Verlagsstandort Berlin zu stärken und die ambitionierte Arbeit der unabhängigen Publikumsverlage in Berlin zu würdigen.