DJ Rob in der Groen Freiheit ©TUI Cruises DJ Rob in der Groen Freiheit ©TUI Cruises

Haste Töne!?

 

Wenn heute ein Lied um die Welt geht, dann tut es das meist über Streaming-Dienste wie Spotify, Amazon Music oder auch Apples iTunes und Youtube Music. Jeder zweite Internetnutzer, so eine Umfrage des Digitalverbandes Bitkom, streamt heutzutage Musik. In der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen setzen sogar 63 Prozent darauf, aus Millionen von Titeln direkt aus der Cloud wählen und sie auf dem Smartphone oder auf einem anderen Endgerät hören zu können – wo und wann immer man mag, ohne die Titel physisch kaufen oder besitzen zu müssen. Es ähnelt einer digitalen Jukebox, in die man monatlich eine Gebühr (auch in Form von Kryptowährung) einwirft und dafür seine Lieblingsmusik bekommt. Und dieses digitale Musikmodell zahlt sich aus, denn mittlerweile beträgt der Anteil, den Streamingdienste am Musikmarkt haben, fast 50 Prozent.

Doch nicht nur bei der "Herkunft" der Musik hat sich digital einiges getan. Auch bei der Art und Weise, wie Musik produziert, gehört, erlebt, geteilt und vertrieben wird und wie Musikerinnen und Musiker, DJs, Produzenten und Verwerter miteinander vernetzt sind und Erlöse generieren, hat sich im Zeitalter der Digitalisierung vieles verändert. Nicht unbedingt nur zum Guten, liegen doch die Erlöse, die gerade über die großen Streaming-Dienste generiert werden, bei nur wenigen Cent pro Abruf eines Titels.

Um der Marktdominanz von Apple, Amazon, Spotify Youtube und Co. Geschäftsmodelle entgegenzustellen, die sich näher an den Bedürfnissen von Musikern, Produzenten und DJs orientieren und zudem fairer, transparenter und auf Augenhöhe funktionieren, ist ein ganz neues Ökosystem rund um die digitale Musikwirtschaft und parallel zu den dominierenden Streaming-Diensten entstanden. Plattformen, die eine schnellere und bessere Verwertung und Bezahlung für Künstlerinnen und Künstler und Verlage bieten, indem sie beispielsweise mithilfe der Blockchain-Technologie Dritte aus dem Verwertungsprozess ausschließen und den direkten Kontakt zwischen Musikern, deren Titeln und den zahlenden Hörerinnen und Hörer herstellen, sind da nur ein Beispiel. Andere Startups schaffen alternative Wege, um Musik in neue technologische Gewänder zu kleiden, sie mithilfe Künstlicher Intelligenz zu komponieren, eigene Titel über Apps zu teilen oder auch um Auftritte/Künstlerinnen und Künstler zu finden bzw. diesen virtuell beizuwohnen.
Das alles passiert überall auf der Welt. Und in Deutschland vor allem in Berlin.

Berlins Musikwirtschaft: Dur in digital

Auch wenn der Hannoveraner Emil Berliner, der als Erfinder der Schallplatte und des Grammophons gilt, nur dem Nachnamen nach ein waschechter Berliner war, trug er mit seiner Erfindung bereits im Jahr 1887 zu einer der wichtigsten Disruptionen der Musikwirtschaft bei, die letztlich auch die digitale Kreativszene und Startups der Musikwirtschaft in der Hauptstadt inspiriert hat. Dank seiner Ideen ließ sich Musik Anfang des letzten Jahrhunderts leichter auf Schallplatten pressen, einfacher reproduzieren und günstiger kaufen. Zudem befinden sich die Emil Berliner Studios seit 2010 in Berlin und nicht nur von dort aus versetzt die Berliner Musikwirtschaft viele(s) in Schwingungen.

Mittlerweile sind die Veränderungen der Musik-Branche der vergangenen 15 Jahren eine Blaupause dessen, welche Möglichkeiten und Chancen die digitale Transformation für verschiedene Industriezweige bereit hält. Technologische Innovationen haben in kaum eine andere Branche stärkeren Einzug erhalten als in die Musik-Branche. 

LIZZY: Smarter, tragbarer Sound

Wie man Mode melodisch kleiden kann, zeigt die Berliner Künstlerin LIZZY mit ihrem stylischen 3D-Drum-Dress. Die mehrfach ausgezeichnete Drummerin erfand das musikalische Wearable, ein " kabelloses Schlagzeugkleid", zusammen mit der Fashion-Tech-Designerin Maartje Dijkstra und Technikern. In dem musikalischen Modeschmuckstück befindet ein digitales Drumset. So kann LIZZY während ihrer Performance und Choreografie gleichzeitig den digitalen Takt angeben.

Ebenso auf den Körper als Klangkörper gerichtet, ist der tragbare Subwoofer Basslet aus dem Hause Lofelt. Die Idee hinter den portable Beats: Der Bass wird über den Subwoofer direkt auf den Körper übertragen und bringt so haptisch erlebbare Schwingungen in den Spaziergang.

DJ Rob: Humanoider Disk-Jockey mit Taktgefühl

Wir sind die Roboter? Nein, ER ist der Roboter und zudem einer mit menschlichen Zügen und einem ausgeprägten Gefühl für Takt und Sound. Das Berliner Designstudio Pfadfinderei und das ebenso in Berlin ansässige Robotikunternehmen pi4_robotics tüftelten gemeinsam an DJ Rob, der dank 15 beweglicher Achsen, eines ausgeklügelten Musikerkennungssystems und innovativer Lasersensorik, die Plattenteller ganz im Stile großer DJs "bedient" und dabei mit seinem Bewegungs- und Lichtdesign auch noch eine ausgezeichnete Figur macht.

Da giggste!

Die Plattform gigmit, die sich selbst als Europas größtes Ausschreibungsportal für Musikerinnen und Musiker bezeichnet, bietet DJs und Bands ebenso wie Veranstaltern, Unternehmen und Privatpersonen die Möglichkeit, sich über eine große Datenbank zu finden. Für Clubs, Live-Acts oder Firmen- und Markenevents bieten über 50.000 Musikerinnen und Musikern ihre Musik bzw. ihr aussagekräftiges Künstlerprofil (Electronic Press Kit, EPK) an.

Gemeinsam teilsam

Mit dö.our.tune, einer Erweiterung für Apples Instant-Messaging-Dienst iMessage, können musikbegeisterte Altruisten nun ganz einfach ihre Apple-Music-Lieblingstitel via iMessage mit ihren Freunde teilen und dabei trotz Distanz in Verbindung bleiben. Denn nur, wenn alle gleichzeitig den Titel auf ihrem Screen berühren, lässt sich das Lied abspielen. So entstehen perfekt synchronisierte Musik-Momente und Nähe in Fernbeziehungen.

Digitale Musikmodelle gehen um die Welt

Auch jenseits von Spree und Havel finden Beats, Bässe und andere Klänge mittlerweile in ihr digitales Dasein. Beim Projekt Deep Bach beispielsweise, wo Künstliche Intelligenz in Form neuronaler Netzwerke Bach-Kantaten kreiert, wird es selbst für Profis schwer zu sagen, ob das Stück nun von Bach oder seinem "KI-Pendant" Deep Bach komponiert wurde. Schließlich liegt die Kunst des Komponierens der Kantaten wie auch des Programmierens im (algorithmischen) Schritt-für-Schritt-Vorgehen.

Wer (Live-) Gigs hören will, ohne sich zum Konzert bewegen zu müssen, hat mit MelodyVR die Chance dazu. Das Startup macht mit Virtueller Realität Konzerte per VR-Brille erlebbar, samt freier Platzwahl, Zeitreisen und der Möglichkeit, virtuell gleich neben den Stars auf der Bühne zu stehen. Und vor allem auch dann, wenn das Konzert eigentlich ausverkauft ist.

Wer den Beweis möchte, dass Juke Boxes ausgedient haben, findet ihn bei Musicoin. Hier nämlich geht es zwar immer noch irgendwie um Münzen, die man einwerfen muss, um Musik zu hören, doch gehören diese Münzen der Kryptowährung-Gattung an. Musicoin selbst ist aber mehr – nämlich ein Streaming-Dienst, der auf der Blockchain-Technologie beruht und eine Plattform, auf der sich Musiker, Vertrieb und Konsumenten in ihrem eigenen Ökosystem treffen. Ein ähnliches dezentralisiertes Modell bietet Audius an, als Alternative zu SoundCloud. Beiden und anderen ähnlichen Plattformen geht es darum, den Künstlerinnen und Künstlern über die Blockchain-Technologie wieder mehr Kontrolle über ihre Werke und Einnahmen zu bieten und auch darum, den Kontakt zum Publikum wie auch zu Verwertern enger und direkter zu gestalten.

Ähnlich funktioniert es beim US-Startup Kobalt Music, das übrigens auch ein Office in Berlin hat. Auch hier ist die Idee, Künstler, Verwerter und Publikum auf einer unabhängigen Plattform und jenseits der dominierenden Streaming-Dienst zusammenzubringen – über eine eigene App, auf der im Prinzip sämtlicher Traffic, Einnahmen und Statistiken zu Downloads und Leistungsschutzrechten in Echtzeit verfügbar sind. Zudem bietet Kobalt auch die Möglichkeit an, Musikerinnen und Musikern in Sachen PR, Distribution und Aufnahmen vor Ort zu unterstützen.

Zu den weiteren US-Startups, die sich zum Ziel gesetzt haben, die globale Musikwirtschaft zu verändern, gehört zweifelsohne auch Roli. Das Unternehmen produziert Tools, die dank berührungsempfindlicher Musiktechnologie eine Vielzahl neuer Sounds und Effekte für kleine und große Bühnen bietet. 

Einen tieferen Einblick in die Hörgewohnheiten von ausschließlich Fahrern von Fahrdiensten wie Uber, Lyft und anderen bietet Steereo. Tatsächlich geht es bei der Musik-App darum, dass die Fahrer während ihrer Routen Musik abspielen (und dabei Geld verdienen) und Musikerinnen und Musiker und deren Manager neue Titel in die App laden und detailliert analysieren lassen können, wie genau welcher Titel bei welchem Hörer ankam. 

Insgesamt liegt also Veränderung in der (Berliner) Musikluft – in der Art und Weise, wie sie gemacht, gehört, distribuiert, monetarisiert und zugänglich gemacht wird.

author
Nadja Clarus

Musikwirtschaft

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