Neu in BerlinDas Gründerteam von Misc Berlin © Gökçe Berndt

Misc Berlin schult Unternehmen zum Thema Diversität

Wer sich auf Musik-Festivals kritisch umschaut und auch hinter die Kulissen blickt, wird bemerken, dass sich sowohl beim Booking der Bands als auch im Backstage-Bereich nicht die ganze Bandbreite an Menschenvielfalt zeigt, die oft das Publikum und das Stadtbild in Berlin prägt. Die neu gegründete Agentur Misc Berlin möchte das ändern, damit Diversität und Chancengleichheit auch auf und hinter den Bühnen gelebt werden.

„In den 15 Jahren meiner Beschäftigung in der Musikbranche habe ich immer wieder festgestellt, dass sich die Diversität, die wir auf Berliner Straßen erleben, auf den Bühnen und auch im Arbeitsalltag hinter den Kulissen kaum widerspiegelt", sagt Misc-Mitgründerin Julia Gudzent, eine der wenigen weiblichen Booker*innen in der deutschen Festivallandschaft. „Die Line-ups deutscher Festivals sind größtenteils immer noch weiß, heterosexuell und männlich geprägt. Backstage sieht es nicht anders aus.“

Die Agentur Misc Berlin, die ihren Namen aus dem englischen „miscellaneous“ herleitet, was so viel wie „verschieden“, „divers“ bedeutet, bezeichnet sich selbst als Agentur für kulturellen Wandel. Das in der Musikbranche erfahrene Gründer*innenteam aus Runa Hoffmann, Demba Sanoh und Julia Gudzent hat es sich zum Ziel gesetzt, mit ihren Angeboten mehr „Equality, Empowerment und Diversität“ in den Kultursektor zu bringen.

Talks, Workshops und Prozessbegleitung für Unternehmen

Mit ihren zielgerichteten Angeboten wie Talks, Workshops oder Prozessbegleitung möchte die Agentur in der Berliner Clubszene, in Booking-Agenturen oder Labels Strukturen der Gleichberechtigung und Diversifizierung schaffen. Die Themen sind dabei so vielfältig wie die Anfragen. Es kann ebenso um diskriminierungsfreie Sprache am Arbeitsplatz gehen wie um Diverse-Recruitment-Strategien und nachhaltiges Mitarbeitermanagement, Identifikations- und Loyalitätsaufbau, Anti-Rassismus, Sexismus am Arbeitsplatz oder Female Empowerment.

Im Vordergrund steht die Etablierung von Chancengleichheit und Lebensqualität im Arbeitsalltag. Doch worüber sich viele Unternehmen (noch) nicht im Klaren sind: Diversität und ein vorurteilsfreies Arbeitsklima werden in Zukunft auch Erfolgsfaktoren für Unternehmen sein.

Diversität und Inklusion: wichtige Werte für neue Arbeitnehmer-Generationen

„Die junge Generation ist auch ein wirtschaftliches Argument für Unternehmen, sich mit Diskriminierungsthemen auseinanderzusetzen“, erklärt Gudzent. „Sonst kann es ihnen passieren, dass sie irgendwann keine qualitativ hochwertigen Arbeitskräfte mehr finden. Denn die Arbeitnehmer*innen der Zukunft werden ein von Diskriminierung geprägtes Arbeitsleben nicht mehr mitmachen.“

Aus dem Whitepaper „Vielfalt 2020“ des Berliner Startups Truffls beispielsweise geht hervor, dass es zwei Dritteln der deutschen Arbeitnehmer*innen wichtig sei, welche Haltung das Unternehmen zum Thema Vielfältigkeit und Chancengleichheit einnimmt. Besonders stark vertreten sei diese Einstellung bei jungen Mitarbeitenden, die mit einem überdurchschnittlich großen Anteil von 74 Prozent besonders großen Wert darauf legen.

Und die Ergebnisse der aktuellen McKinsey-Studie „Diversity Wins – How Inclusion Matters“ legen einen Zusammenhang von Diversität und Produktivität nahe: Unternehmen mit hoher Gender-Diversität haben demnach eine um 25 Prozent größere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel zu sein. Betrachtet man den Faktor der ethnischen Diversität, liegt dieser Wert sogar bei 36 Prozent.

Trans*-Menschen mit Diskriminierung am Arbeitsplatz konfrontiert

Bei aller Kritik sieht Julia Gudzent jedoch auch, dass die Gesellschaft sich immer mehr für Diversität öffnet: „Ich bemerke da eine starke positive Entwicklung im Moment. Beispielsweise gibt es eine immer höhere Sichtbarkeit für das Thema Transgender, vor allem in den sozialen Medien“, sagt Gudzent. „In den einschlägigen Unternehmen der Musikindustrie arbeiten jedoch noch immer so gut wie keine Transgender, nicht-weißen Personen oder Menschen mit Behinderung.“

Erst kürzlich hat das DIW Berlin gemeinsam mit der Universität Bielefeld die Arbeitsmarktsituation von homo- und bisexuellen sowie trans-, queer und intersexuellen (LGBTQI*-)Menschen in Deutschland untersucht. Das Ergebnis: Trotz großer Fortschritte in der gesellschaftlichen Akzeptanz und juristischen Gleichstellung sind noch 30 Prozent dieser Menschen mit Diskriminierung im Arbeitsleben konfrontiert. Bei den Trans*-Menschen sogar mehr als 40 Prozent. Auch hier lautet ein Fazit: Ein offenes Betriebsklima gegenüber LGBTQI*-Menschen sei den Befragten besonders wichtig und könnte die Attraktivität von Unternehmen deutlich erhöhen.

In Workshops eigene Denkmuster hinterfragen

Mit Workshops, Talks, Prozessbegleitungen und Coachings möchte Misc Berlin die Musikindustrie zu einer inklusiveren Branche umgestalten. Die individuell auf die Bedürfnisse der Kunden abgestimmten Workshops sind ausgelegt auf bis zu 20 Teilnehmer*innen. Momentan, unter Corona-Bedingungen, finden sie wie alle Veranstaltungen online statt.

Die Teilnehmenden werden aktiv eingebunden und erarbeiten die meisten Inhalte gemeinsam. „Oft sind den Beteiligten die eigenen Vorurteile gar nicht bewusst. Die Erkenntnis kommt dann überraschend, weil alle von sich selbst denken, sie seien eine Person, die nicht diskriminiert. Aber wir alle haben Vorurteile“, sagt Gudzent. „In unseren Angeboten geht es darum, die eigenen Denkmuster zu hinterfragen. Daher ist es wichtig, dass zum Beispiel ein Workshop einen sicheren Ort bietet, an dem die Menschen Fehler machen dürfen – um daraus zu lernen.“

Ein Leitbild aufstellen oder eine Firmenphilosophie entwerfen

Gemeinsam mit Kooperationspartnern bietet Misc Berlin auch Prozessbegleitung im Recruitment-Bereich von Unternehmen an. Meist kommen die Anfragen von den Mitarbeitenden des Unternehmens und gelangen so bottom-up in die Geschäftsleitung. Die Gründe sind oft: keine Frauen oder People of Color in Führungspositionen, das Gefühl, selbst diskriminiert zu werden oder ganz einfach eine wachsende Aufmerksamkeit für diese Themen. „Wir schnüren dabei jeweils ein ganz individuelles Paket zusammen und begleiten das Unternehmen über einen längeren Zeitraum auf dem Weg zu mehr Diversität“, erklärt Julia Gudzent. „Dabei kann es darum gehen, Awareness aufzubauen, ein Leitbild für die Firma aufzustellen, eine Firmenphilosophie zu entwerfen oder Veranstalter-Panels divers zu besetzen.“

Momentan kommen die meisten Kunden aus der Musikbranche, die Agentur ist jedoch offen für eine individuelle Zusammenarbeit in allen Kulturbereichen.

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