ZukunftsköpfeNikola Richter und Jakob Jochmann © Klaas Posselt Nikola Richter und Jakob Jochmann © Klaas Posselt

Nikola Richter und Jakob Jochmann

 

„Vielleicht drückt der Preis auch die Sehnsucht der Jury aus, dass eine solche Zusammenarbeit öfter und langfristiger eingegangen werden sollte.“

Nikola Richter und Jakob Jochmann sind die Gewinner des mit insgesamt 30.000 Euro dotierten „digivis Contests – Digitales sichtbar machen“, den die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe/ Projekt Zukunft gemeinsam mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Landesverband Berlin Brandenburg ausgerufen hat. Gesucht wurden Konzepte, die der Kreativwirtschaft und im Besonderen der Buchbranche zu breiter Sichtbarkeit ihrer digitalen Produkte oder Anwendungen verhelfen.

Book Vault, die Innovationsidee von Nikola Richter und Jakob Jochmann, ist eine Anwendung, die es Verlagen beispielsweise auf Buchmessen ermöglicht, mit einem transportablen WLAN-Server E-Books auf den Devices der Messebesucher lesbar zu machen.

Sie beide sind die Gewinner des „digivis Contests" – herzlichen Glückwunsch! Was bedeutet Ihnen der Wettbewerb?

Nikola Richter: Es ist eine große Anerkennung, insbesondere für Jakobs Technologie – und zeigt auch, dass nur durch intelligente Kooperationen Innovationen in die Buchbranche kommen. Vielleicht drückt der Preis auch die Sehnsucht der Jury aus, dass eine solche Zusammenarbeit öfter und langfristiger eingegangen werden sollte. Denn sonst stagniert die Branche irgendwann. 

Jakob Jochmann: Mir persönlich bedeutet die Anerkennung viel. In der Buchbranche war es bisweilen recht frustrierend, neue Entwicklungen anzustoßen. Wer weiß, was wäre, wenn ich nicht so tolle Partner wie mikrotext gefunden hätte.

Book Vault ist ein gemeinsames Projekt Ihrer Verlage mikrotext und pixelcraft innovations – wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Richter: Ich kenne Jakob Jochmann schon einige Jahre und bereits 2016 haben wir beim E-Book-Festival der Electric Book Fair die E-Book-Cloud eingesetzt: mit etwa 80 E-Books der beteiligten Verlage und Institutionen. Dass ich zusammen mit Jakob die Idee weiterdenken und ausprobieren konnte, war spannend. Und der Preis zeigt, dass lokale und mobile Plattformen noch ein großes Potenzial haben. Das gilt nicht nur für Verlage, sondern auch für Veranstaltungen, Konferenzen, Messen oder Buchhandlungen. Jakob ist extrem schnell und kreativ, die Zusammenarbeit macht also auch noch Spaß. Wenn wir einen größeren Geldgeber hätten, könnte man die Cloud sicherlich marktgängig machen.

Jochmann: Nikola war einer der aufgeschlossensten Menschen in der Branche, die meine Affinität für technologische Avant-Garde-Experimente für sich angenommen haben. Als ich eine Idee für den Transport von digitalen Büchern auf Smartphones entwickelte und davon erzählte, hat sie gleich das Potential für Events und Messen für sich erkannt und wir haben einen erfolgreichen Probelauf gestartet. 

Ihr Projekt wurde für seine ganz besondere Innovation ausgezeichnet – mit einem mobilen WLAN-Server können digitale Inhalte auf mobile Endgeräte übertragen werden. Können Sie das noch einmal näher erläutern?

Jochmann: Die Ursprungsfrage war: Wie können wir das Erlebnis des Stöberns in einer Buchhandlung auch für digitale Inhalte erschließen? Ich wollte, dass Menschen in einen geschlossenen Raum gehen können, dort ein Buch Probe lesen und es bei Gefallen gleich mitnehmen können. Der Vorteil: Die Buchhandlung muss keine Lesegeräte anschaffen. Schließlich haben die meisten Leser*Innen mit dem Smartphone längst ein Lesegerät selbst dabei. Wir stellen dafür eine lokale Infrastruktur her. So ähnlich wie bei der Bahn oder im Café, wo man sich ins WLAN einloggt. Wir bieten nach dem Einloggen dann halt kein Internet an, sondern eine Bibliothek, in der man nach Belieben stöbern kann.

Welche Vorteile ergeben sich hier für die Buchbranche?

Richter: Für Verlage und auch Autor*Innen ist die Cloud ein Schaufenster, aber ein sicheres, dazu noch supereinfach per Plug and Play einsetzbar und nur so groß wie zwei Tafeln Schokolade. Und jeder und jede, der/die in der Nähe der "Sendestation" ist, kann sich mit seinem Handy einloggen und lesen, aber nichts herunterladen.

Jochmann: Sie erzeugen Lokalität für digitale Inhalte. Daraus ergeben sich ganz neue Möglichkeiten für digitale Bücher, die sogar über die Funktionalität von physischen Büchern hinausgehen. Allerdings müssen für die wirklich spannenden Erlebnisse teilweise auch neue Lizenzmodelle her – und da hapert es dann doch noch.

Wo sehen Sie Bücher, Buchläden und Bibliotheken in zehn Jahren?

Richter: Eine Digitalisierung der Bibliotheken hat längst stattgefunden, etwa durch die Online-Ausleihe. Das wird sicherlich weiterentwickelt. Das Buch wird uns aber erhalten bleiben. Grundsätzlich ist die Frage, welche Rolle überhaupt das klassische Lesen in Zukunft spielt, ob es nicht bereits durch serielles, episodisches Lesen in Social-Media-Streams teilweise ersetzt wird. Ich verlege beispielsweise in meinem Verlag mikrotext viele Texte, die an ein solches Leseverhalten angepasst sind, weil sie bereits so geschrieben wurden – also als kurze Novelle, Short Story, Essay.

Jochmann: Es wirken verschiedene Marktentwicklungen und gesellschaftliche Bedürfnisse. Prinzipiell bleiben Bücher aber weiterhin Bücher. Ob Buchläden und Bibliotheken damit allerdings gleichermaßen umgehen, wage ich zu bezweifeln.

Was wünschen Sie der Verlags- und Kreativwirtschaft für die nahe Zukunft? Neugierige Gelassenheit?

Nicht nur Mut für Innovationen, sondern auch den notwendigen langen Atem, diese weiterzuentwickeln. Und: Offenheit, neuartige Kooperationen einzugehen.

Welches Buch liegt bei Ihnen auf dem Nachttisch?  

Richter: Ich lese eigentlich mittlerweile viel auf dem Smartphone/E-Reader, auch im Bett – im Nachtmodus. Aktuell lese ich Etgar Keret „Plötzlich klopft es an der Tür".

Jochmann: Derzeit lese ich ab und zu in „Building PowerPoint Templates“ von Echo Swinford & Julie Terberg, um mit meinem Team unsere Präsentationsdienstleistungen abzustimmen. Privat komme ich seit Wochen nicht dazu, endlich Dragon's Egg (Robert L. Forward) zu lesen.

Sie leben beide in Berlin? Wenn ja, was lieben Sie an der Stadt – oder was zieht Sie immer wieder hierher? 

Richter: Am liebsten ist mir Berlin, wenn ich länger nicht hier war: Denn auch, wenn die Stadt oft sehr nervt, wegen Aggression auf den Straßen oder Ausverkauf, Verdrängung von unabhängigen, subkulturellen Orten, ist sie auch sehr grün und vielfältig und lebenswert – und wir müssen alle aufpassen, dass es so bleibt.

Jochmann: Ich lebe seit einigen Monaten in Mainz. Meine Frau ist Wissenschaftlerin und ich bin zum Glück als Unternehmer ortsunabhängig, sodass wir unseren Lebensmittelpunkt an ihrer jeweiligen Arbeitssituation ausrichten können. Berlin ist mit tollen Netzwerken spannender Menschen und einer passenden Universität immerhin eine künftige Option für uns beide. Ich fahre momentan mit dem Zug hin, um dort anzuknüpfen.

Zu guter Letzt: Könnten Sie bitte folgenden Satz vervollständigen: „Berlin ist..."

Richter: … seit 1999 mein Zuhause und mein literarischer Lebensmittelpunkt.

Jochmann: … der Ort wo ganz schön viele, ganz schön coole Menschen mich immer wieder hinziehen.

author
Sylvia Fiedler

Buch- und Pressemarkt

Email