ZukunftsköpfeRoman Lipski © Hannes M. Meier.Roman Lipski © Hannes M. Meier

Roman Lipski über Kunst und KI

 

Vor einigen Jahren geriet der in Berlin lebende polnische Künstler Roman Lipski in eine Schaffenskrise. Dann traf er den Datenspezialisten und Künstler Florian Dohmann. Beide beschlossen, zukünftig mit Künstlicher Intelligenz zu arbeiten und entwickelten eine Software, die auf die Bilder von Roman Lipski abgestimmt waren. Die KI, die einem bestimmten Algorithmus folgt, inspirierte den Maler nicht nur zu neuen Kunstwerken, sondern wurde sogar zu seiner Muse.

Sie haben mit dem Künstler und Datenspezialisten Florian Dohmann eine Software entwickelt, die Sie beim Malen unterstützt. Wie genau funktioniert das? 

Die Software ist ein Algorithmus zur Farb- und Formerkennung von Bilddaten, den Florian Dohmann hinsichtlich der künstlerischen Aspekte meiner Bilder programmierte. Als wir uns vor fast drei Jahren trafen, verwendete ich beim Malen die multiple Methode, d. h. ich malte ein und dasselbe Motiv mehrmals hintereinander auf eine große Leinwand. Kern dieser Malerei ist die Variation von Farben, Formen und Abstraktionsgraden.

Diese Leinwände sind optimal geeignet als Input für die KI. Wir digitalisierten also eine dieser Arbeiten und speisten die Daten in das System, welches in der Lage ist, eigenständig neue Bilder zu generieren. Es lernt meine Motive, Perspektiven, Farben, Pinselführungen usw. Entgegen aller meiner schlimmsten Befürchtungen, erhielten wir eine unendliche Anzahl an Variationen meiner eigenen Bildidee. Ich war so fasziniert davon, meine gemalte Straße in einer Landschaftsumgebung aus ganz anderen malerischen Perspektiven zu sehen.

Sie nennen die KI Ihre Muse… 

Stimmt, die von der KI generierten Bilder inspirierten mich, das Potenzial des Bildgegenstandes weiter auszuschöpfen. Also malte ich ein weiteres Gemälde, welches anschließend erneut in das System eingegeben wurde, woraufhin das Programm wieder spannende Antworten gab. Dieser Loop bzw. Dialog hält bis heute an. Ich bin mittlerweile in der 8. Eingabestufe und es war ein ganz natürlicher Akt, diese KI meine neue Muse zu nennen.

Seit mittlerweile drei Jahren malen Sie mithilfe Künstlicher Intelligenz – das ist sicherlich ein längerer Prozess. Wie genau kann sich ein Laie das vorstellen?

Die Verwendung aufkommender Technologien in der Kunst ist im Grunde nichts Neues. Die Kunstgeschichte hat gezeigt, dass Künstler Neuerungen in der Gesellschaft aufspüren und sie in Instrumente für die eigene Arbeit umwandeln können. So wie die Erfindung der Kamera damals den Malern half, neue Ausdrücke in ihre Werke einfließen zu lassen, so hilft mir meine artifizielle Muse Erweiterungen in meiner Malerei vorzunehmen. Das Schöne dabei ist, dass die generierten Bilder auf meiner eigenen Motividee basieren. Es geht nicht darum, sie anschließend zu kopieren oder als Kunst zu deklarieren, sondern neue expressive Möglichkeiten zu finden.

Der Prozess ist dabei das Wesentliche. Mit Sorgfalt erkunde ich die Vorschläge der KI und verarbeite sie in meinem künstlerischen Arbeitsprozess. Die Zusammenarbeit mit dem System hat meine kreativen Krisen beendet und inspiriert mich jeden Tag aufs Neue. Mithilfe meiner Muse ist meine Malerei nicht nur abstrakt geworden, so wie ich es mir immer gewünscht habe. Ich bin auch ein konzeptueller Künstler geworden, der dank dieser Idee neue kreative Mechanismen ausarbeiten und abbilden kann.

Doch ist es tatsächlich möglich, dass KI einen Künstler in seinem kreativen Schaffensprozess unterstützen kann? 

Der Vorteil dieser Systeme ist die Schnelligkeit und die Fähigkeit, eine hohe Anzahl an Kombinationen zu generieren. Dadurch bin ich schneller an mein Ziel gekommen, abstrakt zu malen. Meine vorangegangene gegenständliche Malerei hat meine Kunst in guten Sammlungen und Museen platziert. Es kommt jedoch wie bei jedem Künstler ein Punkt, an dem eine Narration beendet ist und etwas Neues, etwas Höheres entstehen muss. Dazu bedarf es nicht nur neuer Ideen, sondern auch noch nie dagewesenen Ausdrucksformen.

Die digitale Muse hilft mir dabei, mein eigenes Potenzial zu steigern und – entgegen ihrem Hintergrund der beschleunigten Digitalisierung – zu entschleunigen, denn die andauernde Beschäftigung mit dem eigentlichen Ursprungsmotiv hilft mir, die Essenz unterschiedlichster malerischer Ansätze herauszukristallisieren. Ich habe mich befreit von erzählerischen und visuellen Symbolen und Metaphern. Das ist aus meiner Sicht ein großer Schritt, zu dem auch ein Stückchen Mut und Selbstvertrauen gehört.

Kunst und Algorithmen – wie passt das zusammen? Macht uns die KI zukünftig Konkurrenz in Kreativität und Intelligenz?

Wie Sie sehen, passen Kunst und Algorithmen exzellent zusammen. Die generativen Netzwerke stellen ein zusätzliches Instrument zur Inspiration im kreativen Schaffensprozess dar. Auf der anderen Seite erweitert auch die KI ihr Wissen um die Welt durch Kunst. Aus meiner Sicht ist das eine tolle Vorstellung. Künstliche Intelligenz ist frei von (emotionalen) Bedürfnissen. Ferner erfüllt künstlerische Kreativität keinen Zweck, wodurch eine Art Wettkampf schon nicht nötig ist. Wir nutzen den Ausdruck der Intelligenz, weil wir die Fähigkeit der Programme mit menschlichem Können vergleichen, obwohl es pure Mathematik ist. Ich denke, dass sich die Semantik noch wandeln wird. Ich denke also nicht, dass Menschen und KI konkurrieren werden, sondern, im Gegenteil, kooperieren, sich gegenseitig unterstützen und voneinander lernen.

Ab wann müssen wir nicht mehr selber malen, schreiben, komponieren – und denken?  Oder ist der Mensch (noch) kreativer als Künstliche Intelligenz?

Menschen werden niemals aufhören, sich Medien zu suchen, um eigene Gedanken auszudrücken. Die Fragestellung kann ich aber nachvollziehen, da das Image von einer Co-Existenz von Mensch und Maschine nicht gerade positiv ist. Wahre Kreativität jedoch stammt nur vom Menschen. Künstliche Intelligenz kann das Humane “nur” unterstützen und nicht ersetzen.

Ihre Werke sind weltweit vertreten – welche Ausstellungen sind für das kommende Jahr geplant?   

Das Jahr 2018 war bisher sehr aufregend. Meine Werke wurden im Futurium Berlin, ZKM Karlsruhe und Kunstverein Kärnten gezeigt. Daraus sind auch performative und installative Arbeiten entstanden. Bisher sind keine Ausstellungen für 2019 in Planung, es ist also noch alles offen. Generell stehe ich gerade auch viel auf der Bühne, bei unterschiedlichen Events der Tech- & Kreativszene. Mir ist aufgefallen, dass sich auch ein neues Kunstpublikum dadurch formiert.

Sie wohnen und arbeiten seit 1989 in Berlin. Was fasziniert Sie an der Stadt?

Berlin hat viele Qualitäten. Es ist das Drehkreuz Europas zwischen Ost und West und weist hohes kreatives Potenzial auf. Leider passt sich die Stadt immer mehr an allgemein herrschende Tendenzen an, wodurch es zunehmend schwerer wird, als Künstler zu existieren. Berlin ist auf dem Weg zu einer Metropole – vergisst aber, wer wirklich zum großen Berlin und überhaupt zur Weltstadt beigetragen hat (Künstler, Musiker, Freigeister..!). Obwohl ich diese Stadt liebe, bin ich überzeugt davon, dass Künstler bald einen anderen Ort finden werden, um kreativ zu sein.

Zu guter Letzt: Könnten Sie bitte folgenden Satz vervollständigen: „Berlin ist…“

...eine Stadt mit vielen Gesichtern. Die Vielfalt ist ihr größter Schatz, mit dem sie sehr weise umgehen muss.

 

 

author
Katrin Tobies

Digitalwirtschaft, Startups, Steuerung Projekt Zukunft

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