Zukunftsköpfe© Uta-Dorothe Hart© Uta-Dorothe Hart

Uta-Dorothe Hart, Leitung Buchverlag/Seminare im VDE Verlag

Die Initiative BRAIN & BOOKS zeigt, was Berliner Wissenschafts- und Fachverlage – oft von der Öffentlichkeit kaum bemerkt – leisten. Ein Gespräch mit Uta-Dorothe Hart, Leitung Buchverlag/Seminare im VDE Verlag über die Veranstaltung und künftige Chancen sowie Herausforderungen für den Berliner Buch- und Pressemarkt.

Rund 50 Wissenschafts- und Fachverlage sind in Berlin ansässig. Mit über 650 lieferbaren Titeln und mehr als 100 Neuerscheinungen jährlich zählt der VDE Verlag sicher zu einem der größeren und langjährigen Player. Was macht den Standort Berlin für einen Fachverlag wie VDE auch heute nach wie vor so interessant wie im VDE-Gründungsjahr 1947?

Der Standort ist für uns traditionsgetragen. Der VDE Verlag ist ja eine 100-prozentige Tochter des Verbands der Elektrotechnik, Elektronik- und Informationstechnik. Dessen Urkeimzelle liegt in Berlin, wo auch die große Industrie von damals wie Siemens ihren Standort hatte. In dem Kontext sind erste Verbandsaktivitäten entstanden, und auch als Verlag sitzen wir wie der Verband im Verbandshaus. Dieses stammt aus den 30er Jahren und ist für den Verband gebaut worden. Mit der Teilung der Stadt wurde auch ein Verlagssitz in Frankfurt – jetzt in Offenbach – errichtet. Seither leben und arbeiten wir an zwei Standorten, wobei Geschäftsführung, Personal und Administration in Berlin sitzen. Auch der Normenverlag als Kerngeschäft des Verlags hat seinen Sitz in Berlin. Lektoratsarbeit sowie das Veranstaltungsgeschäft finden an beiden Standorten statt. Der Zeitschriftenverlag sitzt in Offenbach.

2020 ist die Initiative BRAIN & BOOKS in der Bundeshauptstadt als Online-Event gestartet. Der VDE Verlag war und ist von Anfang an dabei. Was haben Sie sich davon versprochen?

Wir sind Mitglied des Landesverbandes Berlin-Brandenburg im Börsenverein (Anm.: Veranstalter von BRAIN & BOOKS) und wurden angesprochen, daran teilzunehmen. Alle Unternehmen suchen junge Talente. Da war es eine schöne Möglichkeit, sich als Arbeitgeber zu präsentieren. Wir hatten bereits ein Video für unsere Normenbibliothek, das Web-Portal zur Nutzung des VDE-Vorschriftenwerks, das wir online gut vorstellen konnten und wollten zeigen, auf welchem hohen technologischen Niveau wir arbeiten. Wir hatten die Hoffnung, dass sich der eine oder andere das anguckt und Interesse hat. Personal wird in verschiedenen Bereichen gesucht, und im Moment ist der Markt der potenziellen Interessenten sehr klein. Außerdem haben wir ein sehr spezielles Geschäft und suchen eine Kombination aus Fachleuten und sprachaffinen Menschen.

Sie sahen die BRAIN & BOOKS vor allem als Chance fürs Recruiting?

Ja, das Kernfachpublikum kennt das Produkt, das wir haben. Gutes Personal zu finden, ist hingegen trotz des schönen universitären Umfelds in der Stadt Berlin schwer. Unser Anliegen war junge Leute, die sich a priori bereits für die Verlagsarbeit interessieren, über das Fachliche abzuholen und zu zeigen, dass wir technologisch in der Verlagswelt die Nase vorn haben. Wir wollten zeigen, dass wir ein tolles Arbeitsumfeld bieten und dass Fachverlage sehr weit auf dem Weg des digitalen Wandels sind. Zudem wollten wir auch zeigen, dass wir klassische Medien bedienen wie Bücher, Zeitschriften, Loseblattwerke, aber auch ein ausgefeiltes Datenbanksystem, auf dem gearbeitet werden kann, sowie auch die E-Angebote unseres Portfolios. Wir hatten junge Wissenschaftler als Zielpublikum im Auge und wollten sie anfixen, sich um diese Themen zu kümmern. Gerade Normung klingt traditionell immer trocken, doch wenn sie mit technologischen Innovationen verbunden ist, kann sie jungen Menschen ein spannendes Arbeitsumfeld bieten. Wir wollten sozusagen die Normen aus der langweiligen Ecke ziehen und zeigen: Wir sind auch hip.

Und ist Ihnen das gelungen?

2020 haben wir kein aktives Feedback bekommen, haben das aber auch nicht ernsthaft erwartet. Die Veranstaltungsdichte in der Stadt ist enorm und es ist schwierig, einen Markt zu finden – noch dazu mit einer Online-Veranstaltung. Wir wollten der Messe eine Chance geben zu wachsen und auch anderen Verlagen zeigen, dass wir in die Zukunft investieren. Je mehr mitmachen, desto besser.

Im Jahr 2021 war der VDE Verlag wieder dabei. Diesmal fand die Veranstaltung zusätzlich analog statt. Wie war Ihre Erfahrung?

Wir waren mit einem Stand vor Ort, Ich war selbst die ganze Zeit dort, um mir einen Eindruck zu machen. Es ist ein schöner Veranstaltungsort, aber ich fand es extrem schade, dass der Börsenverein mit der Werbung nicht so auf dem Markt durchgedrungen ist, wie wir es uns erhofft haben.

Wir waren auch im Saal an der Debatte über „grüne Zukunft“ beteiligt. Einer unserer Autoren hat ein Buch zu Sonnenstrom aus der Fassade vorgestellt. Das ist ein sehr modernes, grünes Thema, das Architekten und Bauausführende ansprechen kann. Es war eine schöne Diskussion mit, aus meiner Sicht, zu wenig Teilnehmern – und das zog sich durch die Veranstaltung. Die Verlage waren gut präsentiert, die Veranstaltung war stimmig und harmonisch vorbereitet, doch es hat an Teilnehmern gemangelt.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Hier ist Analyse von Seiten des Börsenvereins gefragt. Wenn man junge Leute aus dem Wissenschaftsbereich ansprechen möchte, kann der Freitagnachmittag der falsche Termin sein. Auch Corona hat sicherlich hineingespielt: Ich gehe nicht zu einer Veranstaltung, zu der ich nicht kommen muss. Ich halte es auch für wahrscheinlich, dass die Zielgruppe über die Medien und Social-Media-Aktivitäten nicht erreicht wurde. Es gibt so viele kulturelle Angebote in Berlin, da kann so eine Veranstaltung schon untergehen. Das war zwar schade, aber ich glaube, dass wir als Verband und Verlag Lehren daraus ziehen können. Wir finden die Idee grundsätzlich gut und werden uns deshalb weiter an der Diskussion über Termine, Zeiten, Angebote beteiligen.

Sie haben bereits die technologische Vorreiterrolle des VDE Verlags erwähnt. Das Thema Digitalisierung war auch eines der Kernthemen der BRAIN & BOOKS. In einem Interview haben Sie einmal erklärt, dass es vor allem technische Verlage noch nicht so schwer haben im Zuge der Printkrise und Digitalisierung. „Technische Fachverlage gehören zu den Trendsettern. Es gibt immer wieder Möglichkeiten neue Geschäftsmodelle und Angebotsformen zu entwickeln, werden Sie zitiert. Auf welche dieser neuen Möglichkeiten setzt der VDE Verlag?

Im Moment sind wir dabei, die Normenbibliothek jährlich mit unseren Kunden weiterzuentwickeln. Es geht um neue Features, um die Usability zu verbessern. Wir arbeiten hier sehr eng mit den Nutzergruppen zusammen. Das ist eine neue Form der Produktentwicklung. Darüber hinaus bieten wir im gesamten Buchbereich mit mehr als 200 unserer technischen Fachbücher flächendeckend eine E-Book-Variante im PDF-Format. Kunden können zwischen E-Book oder Print wählen oder sich in unserem Standardangebot für beides entscheiden. Mit dem 1.1.2022 launchen wir außerdem eine „KälteKlimaFachbibliothek“, die im Jahresabo gebucht und als Flatrate gelesen werden kann. Das ist unser neuestes Angebot im Buchbereich. Für unsere Zeitschriften haben wir Fachportale mit Newsticker entwickelt, um die Brancheninformationen moderner und in zeitnaher Form zum Nutzer zu bringen.

Der VDE Verlag hat zudem bereits seit 2014 Seminare im Portfolio und führt jährlich über 500 Veranstaltungen durch. Wie entwickelt sich dieser Bereich?

Durch die Corona-Pandemie waren wir gezwungen, das digitale Angebot stärker auszubauen. Wir hatten schon vorher Online-Seminare, aber jetzt ist das gesamte Portfolio, wo es keines Praxisangebots bedarf, entweder online oder als Präsenzveranstaltung wählbar. Eine der Lehren aus dem Geschehen im letzten Jahr war, dass Teilnehmer*innen nicht mehr zu eintägigen Präsenzveranstaltung reisen, um dann in engen Räumen zu sitzen. Das wird auch nicht mehr weggehen. Unsere Teilnehmer, die durchaus konservativ sind, haben die Vorteile von Online kennengelernt. Mehrtägige Veranstaltungen hingegen bleiben sicher in Präsenz angeboten. Drei Tage hintereinander Online-Input kann kein Mensch ertragen. Dazu gehören auch Veranstaltungen mit Praxisanteilen, denn ein Praktikum kann man nicht online machen. Da gibt es keine Alternativen. Jahresforen, die jedes Jahr zum selben Thema stattfinden, wird es online, aber auch als Präsenzangebot geben, damit auch Abendveranstaltungen oder Ausstellungsbereiche besucht werden können. Man kann zwar etwas online präsentieren, aber das ist nicht dasselbe, wie am Ausstellungstand zu sprechen oder Produkte in die Hand zu nehmen. Präsenz verschwindet nicht, aber wir werden verstärkt online dort anbieten, wo es möglich ist. Das ist auch für uns als Anbieter optimal, schließlich rechnen Redner und Teilnehmer mit unseren Veranstaltungen. Die Nutzer benötigen viele unserer Seminare, um etwa ihre Befähigung zu erneuern. Diese Seminare kann man nicht einfach ausfallen lassen.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Welche Themen werden den VDE Verlag insbesondere und den Fachbuchmarkt im Allgemeinen 2021/2022 besonders beschäftigen?

Primär bleibt es beim Thema Digitalisierung. Das wird unser Leitfaden für die nächsten Jahre sein. Auch Themen interner Natur wie eine weitere Automatisierung und Standardisierung werden bestehen bleiben. Da sind wir seit Jahren dran. Ein schwieriges Thema ist auch die Entwicklung des Urheberrechts. Bei allem, was im Internet stattfindet, wird das Urheberrecht an allen möglichen Ecken aufgeweicht. Unter dem Deckmäntelchen der Nutzerfreundlichkeit wird es für Produzenten wie Verlage und Autoren immer schwieriger gemacht, kommerziell am Markt zu agieren. Das ist eine kritische Entwicklung. Wir müssen schauen, wohin diese geht. Hier ist eine politische Steuerung notwendig. Ein gutes Beispiel für dieses existenzielle Thema ist das Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz, wo die Schrankenregelung für die kostenlose Nutzung für die Universitäten ausgeweitet wurde. Unsere Konsequenz ist, dass wir keine neue Lehrbuchentwicklung mehr forcieren, sondern uns aus diesem Geschäft zurückziehen, weil wir weder den Autoren noch unseren eigenen Umsätzen zumuten können, für null zu arbeiten. Gerade an Lehrbüchern zu Entwicklungen im technischen Bereich wie KI werden wir uns nicht mehr beteiligen, auch wenn das notwendig wäre. Die Konzeption wäre zu aufwendig und mit den erwarteten Erlös-Verhältnissen nicht mehr kongruent.

Ein weiteres Zukunftsthema ist Barrierefreiheit. Die Richtlinie soll bis 2025 umgesetzt werden. Das ist ein Thema, an dem wir arbeiten müssen. Für Fachverlage wie uns ist es eine besondere Herausforderung, weil unsere Bücher viele Bilder und Zeichnungen enthalten. Texte vorzulesen, ist kein Problem. Doch ein Bild zu beschreiben, das kann eine Herausforderung werden. Damit müssen wir uns konzeptionell beschäftigen und unsere Angebotsform im elektronischen Bereich aufrüsten. Da stehen wir ganz am Anfang der Entwicklung. Wir haben ja noch die nächsten drei Jahre Zeit.

Vielen Dank für das Gespräch!