Was wurde aus

Was wurde aus: Pikkerton

Als Start-up kann man das Unternehmen „Pikkerton” nicht mehr bezeichnen. Immerhin beschäftigen sich Lothar Feige und sein Team bereits seit 2004 erfolgreich mit der Entwicklung und Fertigung von Sensoren, unter anderem im AAL-Bereich („Active Assisted Living“ oder „Smart Home Care“). 2015 wurden sie für ihr aktives Sturzerkennungssystem „Grannyguard“ mit dem ersten „Deep Tech Award“ ausgezeichnet. Es war der vielversprechende Auftakt eines neuen Kapitels, das gerade so richtig seinen Anfang nimmt...

Jahrtausendwende: Von Cluster Labs zu Pikkerton

Hochinnovative Lösungen haben Pikkerton-Gründer Lothar Feige schon immer fasziniert. Bereits 1999 gründete der Berliner Mathematiker mit „Cluster Labs“ sein erstes Unternehmen. Damals standen hochintegrierte Rechensysteme, sogenannte Bladeserver – heute Standard in IT-Umgebungen – im Zentrum. „Anfang der Jahrtausendwende kam die Firma allerdings wirtschaftlich ins Straucheln“, erzählt Feige, „als CTO war das nichts für mich, ich wollte keine Kisten schleppen.“ Er stieg aus und gründete 2004 das Sensor- und IT-Unternehmen Pikkerton – mit einem Diplomanden, der „heute noch langjährigster Mitarbeiter und Stütze des Unternehmens ist“, schwärmt der Geschäftsführer.

Meilensteine

15 Jahre später entwickelt, konstruiert, fertigt und vertreibt das 10-köpfige Team erfolgreich elektronische Geräte und funkbasierte Sensorsysteme in den Kernbereichen Smart Grid/Smart Energy, Industrielles Monitoring sowie AAL. Der Fokus auf professionelle Anwendungen zieht sich als roter Faden durch. Wer Lothar Feige nach seinen persönlichen Meilensteinen fragt, erhält eine rasche Antwort: Der Aufbau des kleinen Funksensor-Produkt-Portfolios „ZigBee“ im Jahr 2007 gehört genauso dazu, wie eine Fertigung in Millionenhöhe mit „Rohde & Schwarz“ oder das Forschungsprojekt Modellstadt Mannheim „moma“, bei dem von 2008 bis 2012 rund 1000 Haushalte in Mannheim und Dresden über ein Smart Grid mit Energie versorgt wurden. Nicht fehlen darf natürlich auch ein weiteres Thema: „Seit 2007 haben wir AAL-Systeme auf dem Markt“, erklärt Feige, „aus diesen Anforderungen und Marktkenntnissen entstand die Realisierungsidee für Grannyguard.“

(Bisheriger) Höhepunkt: Grannyguard

Die klassischen, passiven Hausnotrufsysteme gibt es seit den 80er Jahren: Stürzt eine ältere beziehungsweise gebrechliche Person, kann sie manuell den Notruf bedienen und Hilfe herbeiholen – so die Theorie. In der Praxis sieht die Sache anders aus. „Stürze passieren meist nachts auf der Toilette. Da liegt das Notrufgerät auf dem Nachttisch“, weiß Lothar Feige, „niemand drückt den Knopf. Keiner weiß Bescheid, also bleiben Oma oder Opa liegen – so lange, bis sie sterben.“ Tatsächlich sterben mehr als 75 Prozent aller häuslich tödlich Verunfallten über 65 Jahre durch Stürze. Hier verschafft Grannyguard Abhilfe. Hochempfindliche Infrarot-Sensoren erkennen Stürze, aber auch extreme Hitzeentwicklung und viele weitere kritische Situationen automatisch; unverzüglich alarmiert das intelligente Sturzerkennungssystem Angehörige, Freunde oder den Pflegedienst per SMS oder Sprachanruf. „Das beste Bedienungskonzept – es gibt keines, Grannyguard muss nie bedient werden. Es ist das einzig bezahlbare, berührungslose Notrufsystem für ältere Leute“, ist Feige nach der 4- bis 5-jährigen Entwicklung von seinem Produkt überzeugt. Das autarke System dient nicht nur der Bequemlichkeit, es hat auch einen anderen Zweck: „Notrufsysteme stigmatisieren“, so der Berliner, „aber meiner alten Mutter möchte ich kein Gerät umhängen. Deshalb muss Grannyguard nicht mitgeschleppt werden, sondern ist Teil der Infrastruktur.“ Das Assistenzsystem für zuhause arbeitet nämlich ohne Gateway oder andere externe Geräte, sondern wird an der Wand in die Lichtschalter-Einheit integriert. Wie beim Lichtschalter ist der Schutz der Privatsphäre jederzeit sichergestellt. „Es ist keine Kamera drin, die Bilder in einer Google-Cloud speichert“, versichert der Pikkerton-Gründer, „es arbeitet offline und autark 24/7. Erst wenn das Gerät entscheidet, dass etwas faul ist, dann werden die Kommunikationsmodule gestartet. Meine Mutti hat ein Gerät in der Wand und wenn sich um 11.00 Uhr nichts bewegt, rufe ich an.“

Warten auf Grannyguard

Die 83-Jährige Mama Feige ist eine der Ersten, die dank Grannyguard geschützt ist. Nachdem das Produkt im Januar 2018 den VDE-Zulassungsprozess erfolgreich absolviert hat, ist der Vertriebsstart im Frühjahr 2019 geplant. Vorerst ausschließlich für den Business-to-Business-Bereich: Mit Betreibern von Pflegeheimen, Seniorenresidenzen, betreutem Wohnen und karitativen Einrichtungen finden seit längerem Gespräche statt. Der Endverbrauchermarkt soll in sechs bis acht Monaten an der Reihe sein. „Wir möchten zuerst unsere Support-Strukturen aufbauen“, begründet Feige, der auch als Lektor an der Beuth Hochschule in Berlin tätig ist, diese Entscheidung. Am mangelnden Interesse liegt es nicht, im Gegenteil: „Alle warten schon auf Grannyguard, es herrscht ein richtiger Pull“, freut sich der Unternehmer und meint mit einem Augenzwinkern: „Noch hat mir keiner den Vogel gezeigt und gesagt, es wäre Quatsch. Das ist sehr vielversprechend.“

Am Anfang war der Deep Tech Award

Mindestens ebenso vielversprechend sind die internationalen Auszeichnungen, die Pikkerton mit Grannyguard für sich gewinnen konnten. Der Gewinn des „Deep Tech Award“ im Jahr 2015 nutzten sie als Sprungbrett. „Da haben wir Blut geleckt“, weiß Lothar Feige, denn „es war der Auftakt einer aktiveren Außendarstellung und der Bewerbung für internationale Awards.“ Ob Elektra Award 2016, Stevie Awards, Building Better Healthcare Award im Jahr 2017 oder Demografie Exzellenz Award 2018 – die Liste an Preisen kann sich sehen lassen und gibt in der Argumentation gegenüber potenziellen Kunden Rückenwind, wie Feige betont. Auf den Lorbeeren ausruhen, das kommt dem umtriebigen Geschäftsmann hingegen nicht in den Sinn. Mit Pikkerton entwickelt er weiterhin professionelle Sensorik im Energie-Bereich, das Thema „Narrowband-IoT“, eine Funktechnologie speziell fürs Internet der Dinge, findet nun ebenfalls im Portfolio Platz. „Die Roadmap ist gefüllt“, gibt sich Feige geheimnisvoll, „wir haben tonnenweise Ideen.“ Mehr wird noch nicht verraten, aber bei Pikkerton tut sich etwas.