
Zukunftsköpfe: Dirk Palm vom BeBra Verlag
Seit 30 Jahren prägt der BeBra Verlag den Blick auf Berlin und Brandenburg – und wurde dafür jüngst mit dem Berliner Verlagspreis ausgezeichnet. Mehr
Anika Wiest
E-mail: anika.wiest@senweb.berlin.de
Telefon: (030) 90138423
Noch jung, aber bereits klar positioniert: Der Kraus Verlag, 2021 von André Zeugner gegründet, veröffentlicht Bilderbücher, die Kinder und Erwachsene zum Lachen, Staunen und gemeinsamen Lesen einladen. Im Interview spricht der Verlagsgründer darüber, wie aus einer Idee ein Verlag wurde, warum Humor der rote Faden seines Programms ist und welche Rolle kreative Freiheit in der Zusammenarbeit mit Illustrator:innen und Autor:innen spielt. Außerdem geht es um die aktuellen Herausforderungen für unabhängige Kinderbuchverlage, die bewusste Entscheidung für das gedruckte Bilderbuch trotz digitaler Medienwelt und was der Berliner Verlagspreis für die weitere Entwicklung des Kraus Verlags bedeutet.
Der Kraus Verlag ist noch recht jung – erst 2021 gegründet. Was war der ausschlaggebende Impuls, einen neuen Bilderbuchverlag ins Leben zu rufen, und welche Lücke wollen Sie im Kinderbuchmarkt schließen?
Ich hatte schon immer große Freude daran, mit Büchern zu arbeiten. Angefangen hat es mit einer Ausbildung zum Verlagsbuchhändler bei den Rowohlt Verlagen Ende der 1990er Jahre – da habe ich alle wichtigen Arbeitsbereiche eines Verlags kennengelernt. Während des Studiums habe ich dann für verschiedene Verlage und literarische Agenturen gejobbt, beruflich hat es mich dann allerdings erst einmal in eine andere Richtung geweht. In der Corona-Zeit reifte dann der Gedanke, selbst einen Verlag zu gründen, und dass es ein Verlag für Bilderbücher geworden ist, hat sicherlich damit zu tun, dass ich zu der Zeit unseren Kindern viel aus eben jenen vorgelesen habe.
Bei den vom Kraus Verlag veröffentlichten Bilderbüchern ist der Humor sicherlich der rote Faden, der sich durch alle Bücher hindurchschlängelt; auch die Absicht, Bilderbücher zu verlegen, die sowohl für Kinder als auch für die vorlesenden Erwachsenen unterhaltsam bis vergnüglich sind, könnte als Konstante angesehen werden.
Ihre Bücher zeichnen sich durch Humor, Kreativität und visuelle Vielfalt aus. Wie wählen Sie Ihre Illustrator:innen und Autor:innen aus – und welche Rolle spielt kreative Freiheit bei der Entwicklung neuer Projekte?
Die Bücher, die veröffentlicht werden, sind ungefähr zur Hälfte Lizenzen aus dem Ausland, die andere Hälfte sind Originalausgaben, sprich: Da bin ich selbst mit den Autor:innen und Illustrator:innen in Kontakt und entwickle das Buch. Wenn ein Text vorhanden ist, ist es in der Tat nicht immer ganz einfach, eine:n Illustrator:in zu finden, deren bzw. dessen Stil gut zum Text passt. Nicht selten ist es so, dass diejenigen, deren Arbeiten ich gut finde, einfach keine Zeit haben, da sie bereits Aufträge für die nächsten ein, zwei Jahre in ihrer Schublade haben. Letztlich gibt es aber so viele tolle Kreative, dass ich über kurz oder lang fündig werde. Und was die kreative Freiheit, insbesondere der Illustrator:innen betrifft: Ich habe bei einem vorhandenen Text schon eine ungefähre Vorstellung davon, in welche Richtung die Illustrationen gehen könnten. Auf dem Weg zum fertigen Buch lasse ich den Illustrator:innen, so glaube ich jedenfalls, recht viele Freiheiten, eigene Ideen einzubringen. Und die Buchsetzerin, mit der ich zusammenarbeite, Henrike Hiersig, hat auch immer gute Ideen auf diesem Weg.
Der Gewinn des Berliner Verlagspreises ist eine besondere Auszeichnung – was bedeutet Ihnen diese Anerkennung persönlich und für den Kraus Verlag?
Persönlich bin ich natürlich schon ein bisschen stolz, das ist klar. Zeigt es doch an, dass die jeweiligen Entscheidungen, die bisher veröffentlichten Bücher zu verlegen, ganz okay waren. Ganz pragmatisch-finanziell bedeutet die Auszeichnung, dass die Vorabfinanzierung für ein bzw. zwei weitere Bilderbuchprojekte gesichert ist und auch der eine oder andere Taler für die Reklame ausgegeben werden kann.
Welche nächsten Meilensteine stehen für den Kraus Verlag an, insbesondere nach dem Gewinn des Berliner Verlagspreises?
Bisher habe ich mit dem Kraus Verlag immer kleine nächste Schritte geplant. Insofern wird eine kleine Veränderung für 2026 darin bestehen, die Anzahl der veröffentlichten Bilderbücher leicht zu erhöhen (von fünf auf sechs pro Jahr). Eine andere kleine Veränderung ist inhaltlicher Natur: 2026 wird es auch das erste Pappbilderbuch im Kraus Verlag geben, gedacht also für Kinder im Alter von 1 bis 3 Jahren.
Welche Herausforderungen erleben Sie derzeit im Literatur- bzw. Medienbetrieb, und welche Chancen ergeben sich daraus?
Eine Herausforderung für kleine Verlage wie den Kraus Verlag besteht sicherlich darin, dass immer mehr kleine, unabhängige Buchhandlungen schließen – aus Altersgründen und weil sie keine Nachfolger:innen finden, aus wirtschaftlichen Gründen oder aus beiden Gründen zusammen. In den von den Inhaber:innen persönlich geführten Buchhandlungen besteht für kleine Verlage eben noch die Chance, ins Sortiment aufgenommen und somit für die Kund:innen sichtbar zu werden. In die Filialen der großen Buchhandelsketten mit ihrem zentralen Einkauf hineinzukommen, ist da schon bedeutend herausfordernder.
Weitere Betrüblichkeiten sind die Kürzungen im Kulturbereich der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten sowie die gleichen Kürzungen bei den privatwirtschaftlich geführten Medien: Sendezeiten bzw. Raum für Besprechungen und Empfehlungen von Kinder- und Jugendliteratur fallen weg, was in einer geringeren Sichtbarkeit resultiert. Auch die KI-generierten Bilderbücher, in denen Text und Zeichnungen maschinell hergestellt werden, und mit denen jener große Onlinehändler, dessen Cash-Flow in die Milliarden geht, geflutet wird, geben Anlass zu einer gepflegten abendländischen Untergangsdepression.
Ganz allgemein kann aber auch gesagt werden, dass das, was als „Digitalisierung“ daherkommt, vielen kleinen Verlagen auch erst die Möglichkeit gegeben hat, in Form von Social-Media-Kanälen wie YouTube, Instagram etc. Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit zu bekommen.
Die Lage ist also insgesamt hoffnungslos, aber zum Glück nicht ernst.
Für kleine Kinder gelten Bücher oft als analoges Medium, gleichzeitig verändert die Digitalisierung auch den Bilderbuchmarkt – ob durch Apps, Audio, Social Media oder neue Vermarktungswege. Wie positioniert sich ein junger Verlag wie Kraus in dieser Schnittstelle zwischen analoger Buchkunst und digitalen Möglichkeiten?
Was die Vermarktung in Richtung der Kund:innen von Bilderbüchern betrifft, so nutzt der Kraus Verlag natürlich die digitalen Möglichkeiten, die dazu sinnvoll sind. Es werden also Anzeigen auf Instagram, Facebook oder YouTube geschaltet, um auf die Bücher aufmerksam zu machen. Was den Inhalt bzw. die Form der Bilderbücher betrifft, möchte ich gern old school bleiben, sprich: Es gibt nur das gedruckte Buch und keine digitalen Ausgaben davon für das Tablet oder andere Bildschirme. Ich finde, es ist ja gerade der Vorteil von gedruckten Bilderbüchern, dass hier keine Reizüberflutung in Form von Animationen oder Benachrichtigungen stattfindet und die Kinder durch Blättern, Anfassen und räumliche Orientierung tiefer in die jeweiligen Geschichten eintauchen können.
Welches Learning aus Ihrer bisherigen Arbeit hat Sie über all die Jahre am stärksten geprägt?
Hm, da muss ich erst einmal nachdenken. Vielleicht, dass es oft gut sein kann, Dinge einfach auszuprobieren, um zu sehen, ob sie funktionieren? Oft ergeben sich im Verlauf des Ausprobierens Dinge oder auch Kontakte, die rein gar nichts mit dem ursprünglichen Ziel oder der ursprünglichen Idee zu tun hatten, die aber dennoch wertvoll sind.
Wo sehen Sie den Kraus Verlag langfristig – und welche Rolle möchten Sie im kulturellen Diskurs der nächsten Jahre spielen?
Für die Zukunft möchte ich, dass der Kraus Verlag stetig etwas wächst. Eine Rolle im kulturellen Diskurs spielen zu wollen, hört sich für mich ein bisschen zu hochgegriffen an. Ich habe weiterhin eine Freude daran, Bücher zu verlegen, mit denen andere eine Freude haben. Schön wäre es allerdings, wenn sich wieder mehr Menschen Zeit zum Lesen bzw. Vorlesen nehmen und ihre Bücher beim regionalen Einzelhandel kaufen würden.
Was macht Berlin als Standort für Ihren Verlag besonders spannend und warum sind Sie hier genau richtig?
Da sind zum einen natürlich die vielen anderen Verlegerinnen und Verleger in der Stadt, mit denen man sich gut austauschen kann. Dann gibt es das Berliner Bücherfest auf dem Bebelplatz und das Bilderbuchfestival im Prenzlauer Berg, welche für mich als Kinderbuchverleger natürlich auch schöne Events sind. Dazu kommen sehr viele Bibliotheken und andere Kultureinrichtungen in den einzelnen Bezirken, mit denen der Kraus Verlag auf unterschiedlichste Weise kooperieren kann.
Berlin bietet als kreativer Standort enorme Vielfalt. Was bewegt Sie dennoch dazu, mit Ihren Büchern gezielt auch den österreichischen und südtirolischen Markt anzusprechen? Was macht diese Regionen für die Kraus’schen Titel besonders attraktiv – und warum lohnt sich für Ihren noch jungen Verlag diese bewusste Erweiterung?
Oh, das ist für einen in Berlin bzw. Deutschland ansässigen Verlag ja nichts Ungewöhnliches, seine Bücher auch in Österreich oder Südtirol verkaufen zu wollen. Das Gleiche gilt natürlich auch für die Schweiz und überhaupt für alle Gegenden, in denen Deutsch gesprochen und gelesen wird. Manche Bücher des Kraus Verlags haben es sogar bis in die Bibliothek der Deutschen Schule in Kapstadt geschafft.

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