Deep Dive

Deep Dive #13: Visual Effects in Berlin

Sie erzeugen Todesstrahlen, verleihen Normalsterblichen Superkräfte und lassen zerstörte Städte wieder auferstehen – was in der Vergangenheit griechischen Göttern vorbehalten war, ist heute ihr Metier. Ihre Namen lauten nicht Zeus, Artemis oder Herakles, sondern Rise, Trixter oder LUGUNDTRUG. Und, anstatt auf dem Olymp zu residieren, leben und schaffen sie in Hollywood, London, München und Berlin. Die Rede ist von Visual Effect (VFX) Artists.

Auf Netflix- und Amazon-Produktionen, in Online-Videos auf YouTube, Twitter oder Facebook und in Games sowieso – visuelle Effekte und Animationen lassen immer öfter die Grenzen zur Realität verschwimmen. Doch sie begegnen uns längst nicht nur in Kinofilmen, Fernsehen oder Videospielen. Auch jede Form der Werbung ist heutzutage animiert oder bearbeitet. Ganz zu schweigen von Animationen auf Webseiten, in der Medizintechnik, bei Events oder in Museen. Kurz: Visual Effects und 3D-Animationen sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken – und der Appetit darauf scheint nie gestillt.

Boom der globalen Animations-, VFX- und Games-Industrie

Egal, ob es eine Retusche ist, ob eine Grafik in ein Handy-Display eingesetzt wird oder Superhelden komplett animiert werden – vor allem bei Blockbusters wie die „Avengers“-Filme oder „Captain America“ enthält jede Szene VFX. Für diese knapp 3.000 Effekteinstellungen gibt Hollywood zwischen 40 und 80 Millionen Dollar, nur für Animation und VFX, aus. Das entspricht etwa 20-25 Prozent der Produktionskosten von Film, TV-Serien oder Videos. Damit soll die Branche im Jahr 2020 die 270 Milliarden US-Dollar-Grenze überschreiten, hat eine Studie von „Digital Vector" herausgefunden. Ausschlaggebend dafür ist nicht nur der weltweit steigende Umsatz an den Kinokassen, sondern vor allem die immense Zunahme von Streaming-Videos. Lag der Umsatz von animiertem Content hier 2018 noch bei 2.9 Milliarden US-Dollar, steigt er jährlich um acht Prozent. Noch spektakulärer sind die Wachstumsraten im globalen E-Sport, der ebenfalls durch VFX und Animation geprägt ist: Mit 30 Prozent sind diese unschlagbar und katapultieren das frühere Nischensegment vermutlich noch 2019 in die Milliarden-Dimension. Dazu kommt die Gaming-Branche, die im Jahr 2018 einen Umsatz von 96 Milliarden US-Dollar machte.

Schneller, besser und günstiger, als die Wirklichkeit

Gute Gründe für den Boom lassen sich nicht mehr nur in der Postproduktion von Film und Fernsehen finden. Denn: Alles, was real gedreht werden könnte, kann genauso gut in virtuellen Szenarios am Computer entstehen. Deshalb spricht man inzwischen auch von virtueller Filmproduktion, denn inzwischen kann jeder Schritt der Filmproduktion am PC ersetzt werden. Dann muss nicht mehr eine Miniatur eines Wolkenkratzers gebaut, mit einer echten Bombe gesprengt und eventuell bei einem Nachdreh erneut aufgestellt werden – das Ganze könnte auch digital, also virtuell gelöst werden. Das gilt nicht nur für den Wolkenkratzer oder die Rekonstruktion der Stadt Berlin vor dem Mauerfall. Das Mündungsfeuer bei einem Pistolenschuss wird genauso digital ergänzt, wie die Wolken am Himmel durch Sonnenschein ersetzt werden – visuelle Effekte sind ebenso vielseitig wie unsichtbar. Was bei Umgebungen und Dingen möglich ist, das macht auch vor den menschlichen Akteuren nicht halt. „Längst werden Schauspieler mittels visueller Effekte verjüngt beziehungsweise in jüngere Versionen ihrer selbst implementiert oder Verstorbene auf der Leinwand wiederbelebt, wie zum Beispiel der 1994 verstorbene Peter Cushing im aktuellen Star-Wars-Film“, heißt es darüber hinaus in der Studie „Wirtschaftliche Bedeutung der Filmindustrie in Deutschland“, die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2017 in Auftrag gegeben wurde. Auch digitale Stuntmen, die in diversen Produktionsschritten in die Umgebung gesetzt werden, könnten gemäß der Studie in Zukunft zur Norm gehören. „Digitale Stuntleute gehen keinerlei Gefahren ein, wenn sie angezündet oder von einem 100 Meter hohen Gebäude geworfen werden. Das kann man Bild für Bild designen und man ist viel weniger von Zufällen am Set abhängig“, berichtet Florian Gellinger, Gründer des Berliner VFX-Studio Rise und Initiator der Deutschland-Sektion der Visual Effects Society. „Das gibt Großproduktionen mit einem Volumen von 200 Millionen US-Dollar die Sicherheit, dass Szenen so herstellbar sind, wie sie sein sollen – dass man nicht mit einem Kompromiss leben muss. Es ist ein Paradigmenwechsel. Realfilm wird nicht mehr nur mit Kameras gedreht, sondern entsteht mittlerweile zu großen Teilen am Computer.“ Schließlich kann ein smarter Einsatz von VFX und Animation nicht nur Kosten sparen und die oft aufwendige Logistik vereinfachen. Besonders bei einem engen Zeitplan entscheidet er über die Machbarkeit eines Projekts.

Hollywoods Ritterschlag für Berlin

Das Berliner VFX-Studio Rise hat das bereits in seinen Anfängen vor über zehn Jahren erlebt: 2011 bekamen Florian Gellinger und seine Co-Gründer Sven Pannicke, Robert Pinnow sowie Markus Degen hohen Besuch aus den USA: Die Produzenten von „Captain America“ baten die vier Jungs, Todesstrahlen zu simulieren und die Getroffenen verpuffen zu lassen. Die Aufgabe, an der sich zuvor erfahrenere Kollegen die Zähne ausgebissen hatten, schafften die Berliner über Nacht. Buchstäblich. Die Realisierung des schier Unmöglichen in einem straffen Zeitplan war eine Art Ritterschlag und Gütesiegel, meint Gellinger im film-tv-video.de-Interview: „Damit waren wir bei Marvel `drin`.“ 12 Jahre nach ihrer Gründung sind sie das immer noch. Mittlerweile hat Rise, neben seinem Berliner Hauptquartier, Niederlassungen in Köln, Stuttgart und München. Das dynamische Quartett beschäftigt rund 100 festangestellte Artisten, dazu kommen in Spitzenzeiten noch einmal weitere 120 bis 200 Freelancer. Neben den Comiccharakteren von Marvel und DC Comics hat Rise darüber hinaus an „Harry Potter“, „A Cure for Wellness“, „Fast & Furios 8“ oder „Russendisko“ mitgewirkt. Für die Serie „Babylon Berlin“ wiederum bauten sie eine Datenbank aus virtuellen Gebäuden, Menschen, Bäumen und Bordsteinkanten und ließen das Berlin der 20er Jahre wieder auferstehen. Und bei der ersten deutschen Netflix-Produktion „Dark“ setzte das Team ein virtuelles Atomkraftwerk vor die Tore der fiktiven Stadt Winden. Damit gehört Rise, das seit 2016 außerdem als Koproduzent auf dem internationalen Markt auftritt, zu einem der größten VFX-Studios Europas.

VFX-Set von "Die Abenteuer von Huck Finn" © LUGUNDTRUG

Die Berliner VFX-Größen

So spektakulär die Erfolgsgeschichte von Rise auch ist, so ist sie kein Einzelfall. Wer kennt nicht die Festung Dragonstone, die Städte Yunkai, King´s Landing oder Old Town aus der teuersten und zugleich meist ausgezeichneten Serie aller Zeiten – Game of Thrones? Und wem stockte nicht der Atem, als die Drachen von Daenerys Targaryen die feindlichen Armeen vernichteten? Kaum jemand aber weiß, dass diese Schauplätze und Szenen in Berlin geboren wurden. Genauer gesagt, in der Köpfen der Kreativen aus dem Studio „KARAKTER“. Dass die deutschen Artists, die außerdem an preisgekrönten Spielen wie „Horizon Zero Dawn“ oder „Ryse: Son of Rome“ beteiligt waren, dafür drei Jahre in Folge mit den begehrten Emmy Awards für „Outstanding Visual Effects“ ausgezeichnet wurden, sollte nicht verwundern. Dass das Geschäft boomt, ebenso wenig – nicht nur für Karakter.

So brachte etwa das Team von Celluloid VFX aus Berlin-Kreuzberg bei „Underworld: Rise of the Lycans“, „Gamer“ oder „Underworld: Awakening“ Fantastisches auf die Leinwand. Und das Studio LUGUNDTRUG mit Standorten in Köln und Berlin bereichert nicht nur Commercials und Events um den einen oder anderen (Visual-)Effekt, es arbeitete bereits 2011 an der für den Deutschen Filmpreis nominierten Mark Twain-Verfilmung „Tom Sawyer“ und dessen Nachfolger „Die Abenteuer des Huck Finn“ mit. Außerdem zauberte es die VFX für den Caroline-Link-Film „Der Junge muss an die frische Luft“ sowie für „Winnetou 2016“, einer Serie von RTL, Television und Ratpack anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Serie. Bei der diesjährigen Berlinale hatten die Kreativen gleich mehrere Feuer im Eisen: Bei „O Beautiful Night“, einer Kollaboration mit „Komplizenfilm“ und Regisseur Xaver Boehm, sorgten sie für die düster-melancholische Nachtstimmung. Bei „All my Loving“ nutzte das Team „all unsere VFX-Tricks für die versteckten visuellen Effekte“, heißt es auf der Website. Wie Lugundtrug hat auch das größte deutsche VFX-Studio TRIXTER, das 2018 vom britischen Global Player Cinesite übernommen wurde, seinen Standort München um Berlin ergänzt. Seit 2014 erwecken im Animationsstudio rund 220 Artists „Iron Man“, „Black Panther“ oder aber bei der Netflix-Serie „Lost in Space“ und AMCs „The Walking Dead“ durch visuelle Effekte zum Leben. Das gilt auch für die Lokomotive Emma aus dem Realfilm „Jim Knopf“, der zu Teilen im Potsdam-Babelsberger Filmstudio gedreht wurde.

Berlin-Brandenburg: Deutschlands Film- und Serienstandort Nummer Eins

Warum nationale wie internationale VFX-Firmen die deutsche Bundeshauptstadt gezielt als Standort wählen, ist für Kirsten Niehuus, Geschäftsführerin der Filmförderung beim Medienboard Berlin-Brandenburg leicht erklärt. „Berlin-Brandenburg ist Deutschlands Film- und Serienstandort Nummer Eins, da ist es nur logische Konsequenz, dass sich VFX-Studios ansiedeln und weiter wachsen“, meint sie in einem Interview. Außerdem seien Außenkulissen wie die „Neue Berliner Straße“ im Studio Babelsberg sogar extra für die Kombination aus Realdreh und VFX konzipiert. „Dies hat zur Folge, dass die VFX-Branche exponentiell wächst“, erklärt die Expertin, „der rasant wachsende Bedarf an digital produzierten Filmbildern bietet große Chancen für die Region.“, sagt Niehuus.

Seit dem 15. Oktober 2018 können Rise, Trixter, Lugundtrug und Co. als Dienstleister für VFX-Budgets oberhalb von 2 Millionen Euro bei der Filmförderungsanstalt FFA eine Förderung aus dem Deutschen Filmförderfonds DFFF II beantragen. Bis zu 25 Prozent der deutschen Herstellungskosten pro Projekt sind förderfähig. Verglichen mit Ländern wie England, Kanada oder Australien handelt es sich um verhältnismäßig geringe Summen, Insider wie Florian Gellinger von Rise sehen darin aber ein „klares Bekenntnis zum VFX-Standort Deutschland“: „Insgesamt werden die Perspektiven der VFX-Branche in Deutschland also immer besser“, meint er, „das ist auf jeden Fall eine gute Nachricht.“

Im Juli 2020 hat die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe gemeinsam mit dem Medienboard Berlin-Brandenburg das Förderprogramm DIGITALE FILM-PRODUKTION für VFX- und CGI-Projekte aufgelegt, welches jährlich mit ingesamt 2 Millionen Euro dotiert ist.

Die Chancen stehen also hoch, dass die Berliner Götter von heute unsterblich bleiben. Zumindest durch ihre Werke auf der Leinwand.

In der Themenreihe “Deep Dive” gibt Projekt Zukunft regelmäßig Einblick in aktuelle Technologien der Digital-, Medien- und Kreativwirtschaft und informiert über Akteure, Trends und Anwendungen aus Berlin.

author
Christoph Hohage

Games industry; Film - and Broadcasting industry

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