Neu in Berlin© Javier Quesada / Unsplash© Javier Quesada / Unsplash

Neu in Berlin: Das digitale Zeugnis auf Blockchain-Basis

Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie (SenBJF) arbeitet derzeit unterstützt von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe (SenWEB) und dem IT-Dienstleistungszentrum Berlin (ITDZ Berlin) an einem ambitionierten Leuchtturmprojekt, das sich in Zukunft fundamental auf unseren Umgang mit Bildungsnachweisen auswirken könnte: das digitale Zeugnis auf Blockchain-Basis. Bereits ab 2022 sollen Schüler*innen in Berlin die Möglichkeit haben, ihre Zeugnisse zusätzlich zum klassischen Papierformat in einer fälschungssichereren Blockchain-Variante zu erhalten. Darüber hinaus soll das Projekt aber auch richtungsweisend für eine allgemeine Digitalisierung des Zeugniswesens sein, die vor dem Hintergrund zunehmend internationaler Bildungsbiografien und digitalisierter Bewerbungsprozesse viele Vorteile mit sich bringt.

Technische Grundlage der von der Bundesdruckerei GmbH in Kooperation mit dem OZG Digitalisierungslabor Sachsen-Anhalt entwickelten Zeugnis-Lösung bildet die Blockchain-Infrastruktur der govdigital eG. Die govdigital eG ist ein Verbund aus derzeit 17 öffentlichen IT-Dienstleistern, deren Ziel in der gemeinsamen Entwicklung und Bereitstellung einer sicheren und zuverlässigen Blockchain-Infrastruktur der öffentlichen Hand in Deutschland besteht. Durch die Integration des ITDZ Berlin soll zukünftig ein Blockchain-Knoten für das Land Berlin entstehen, was sich signifikant auf die Position Berlins als eines der weltweit aktivsten und fortschrittlichsten Blockchain-Ökosysteme auswirken wird.

Dr. Matti Große vom ITDZ: „Wir als ITDZ Berlin erhoffen uns, durch die Zusammenarbeit im Themenfeld Blockchain von den Erfahrungen anderer Mitglieder der Genossenschaft zu lernen und mit Unterstützung der Partner im Netzwerk vertiefendes Know-how im Land Berlin aufzubauen. Aufgrund ihrer technischen Architektur kann die Blockchain-Technologie auch nur im Verbundsystem von innovativen IT-Dienstleistern zur Erfolgsgeschichte für die öffentliche Hand werden. Sprich: Hier entsteht eine Art ‚Zusammenarbeit und Wissenstransfer by Design’, was aufgrund der steigenden technologischen und organisatorischen Komplexität von Innovationen für den Erfolg unabdingbar ist.“

Fälschungssicher und digital: Das Zeugnis der Zukunft

Bewerbungsprozesse vollziehen sich heute in den meisten Fällen bereits ausschließlich auf digitalem Weg. Da erscheint es fast schon anachronistisch, dass Zeugnisse nach wie vor in Papierform ausgehändigt werden und man erst durch umständliches Einscannen quasi eine digitale Version seines Zeugnisses erhält, die sich für Bewerbungszwecke nutzen lässt. In einigen Fällen ist darüber hinaus auch eine amtliche Beglaubigung erforderlich, was mit weiterem Aufwand verbunden ist – einem Aufwand, der angesichts gegenwärtiger technischer Möglichkeiten vermeidbar wäre. Eine weitere Schwachstelle von Papierzeugnissen besteht in der Tatsache, dass sie sich mit grundlegenden Bildbearbeitungs-Kenntnissen relativ einfach manipulieren oder fälschen lassen.

„Mit Hilfe der Blockchain-Technologie können wir sicherstellen, dass Zeugnisse auch tatsächlich die Bildungsabschlüsse ihrer Inhaber*innen widerspiegeln und die Schule autorisiert war, das jeweilige Zeugnis auszustellen. Doch fast noch wichtiger: Das Handling von Zeugnissen für Bürger*innen wird zeitgemäß und korrespondiert mit modernen Bewerbungsprozessen von Unternehmen und Hochschulen. Nicht zuletzt wird auch die Weiterverarbeitung der Zeugnisse medienbruchfrei: Das Digitalzeugnis enthält einen maschinenlesbaren Teil. Damit können Unternehmen und Hochschulen perspektivisch das Zertifikat maschinell und gemäß eigenen Anforderungen verarbeiten.“, so Dr. Matti Große.

Viele Anreize für flächendeckende Verbreitung

Ein besonderes Augenmerk liegt bei dem Projekt auf Standardisierung und optimierter Interoperabilität. Das hat damit zu tun, dass Bildungsbiografien heute oft sehr komplex sind und über eine Vielzahl von Stationen verlaufen. Ziel ist es, dass alle denkbaren Bildungsinstitutionen international in die Lage versetzt werden, fälschungssichere digitale Zeugnisse auszugeben und zu verarbeiten. Das System ist mit zahlreichen nationalen und internationalen Autorisierungsstandards kompatibel, was zu einem möglichst hohen Maß an Akzeptanz und Verbreitung beitragen soll.

Für die sogenannten Zertifikatsträger*innen, also zum Beispiel Schüler*innen oder Student*innen, soll die Handhabung des digitalen Zeugnisses so einfach und intuitiv wie möglich gestaltet werden. Zusätzlich zum traditionellen Papierzeugnis erhalten sie eine digitale Datei, für deren Aufbewahrung sie selbst verantwortlich sind. Diese Datei lässt sich mit Standardsoftware öffnen und mit Dritten teilen, während die Echtheit des Zeugnisses über einen Webservice zu jedem Zeitpunkt prüfbar ist.

Hochschulen, Unternehmen und andere Institutionen, bei denen Zeugnisse im Zuge von Bewerbungsverfahren eingehen, profitieren vor allem davon, dass digitale Zeugnisse im Gegensatz zu Scans im PDF-Format zur maschinellen Weiterverarbeitung geeignet sind. Der manuelle Verwaltungsaufwand, beispielsweise in Zulassungsverfahren bei der Vergabe von Studienplätzen, lässt sich dadurch erheblich reduzieren.

Dr. Matti Große: „Wir glauben, dass das digitale Zeugnis für alle Stakeholder signifikante Vorteile mit sich bringt. Das traditionelle Papierzeugnis wird nicht von heute auf morgen verschwinden. Wir wollen vielmehr mit unserer Pilotanwendung der Blockchain-Technologie im Land Berlin eine Alternative aufzeigen, die mit aktuellen technologischen Entwicklungen korrespondiert und maßgeblich zu einem effizienteren Ablauf von Bewerbungsprozessen aller Art beitragen kann. Wir betrachten die Blockchain-Technologie dabei als einen wichtigen Baustein der modernen Daseinsvorsorge – sicher, effektiv und nachhaltig – der zur Stärkung der digitalen Souveränität von Bürger*innen, Unternehmen und des Staatswesens beiträgt.“

Dezentral betriebenes Absicherungssystem

Eine Herausforderung stellen die zahlreichen rechtlichen und technologischen Anforderungen für die Speicherung und den Austausch von digitalen Bildungsnachweisen dar. Die damit verbundenen Fragestellungen werden in Zusammenarbeit mit Datenschützer*innen und IT-Expert*innen im Zuge der Entwicklungs- und Testphasen ausführlich diskutiert.

„Selbstverständlich haben wir alle schulrechtlichen Anforderungen an Zeugnisse im Blick und diskutieren mit den Fachexpert*innen die Positionierung des Digitalzeugnisses in diesem Rahmenwerk“, so Große. „Dazu kommen technische Herausforderungen, etwa wenn es um das Thema einer dauerhaft sicheren Verschlüsselung der Daten geht, oder um die Frage, wie man alle Anforderungen des Datenschutzes hinreichend berücksichtigt. Für all das haben wir aber bereits fortgeschrittene Lösungsansätze, die wir mit den zuständigen Fachexpert*innen offen und lösungsorientiert bearbeiten.“

Berliner Akteur*innen maßgeblich an Umsetzung beteiligt

Die SenBJF arbeitet bei der Realisierung im Land Berlin verwaltungsübergreifend und intensiv mit der SenWEB und dem ITDZ Berlin zusammen. Unterstützt wird das Projekt zudem von Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH. Als weitere Stakeholder tragen die topdev GmbH als Entwickler der BLUSD, die Bundesdruckerei GmbH als technischer Lösungsentwickler der Digitalzeugnisse sowie das Land Sachsen-Anhalt als zentrale Koordinierungsstelle für das OZG-Themenfeld Bildung maßgeblich zum Erfolg des Vorhabens bei. Perspektivisch könnte das erfolgreiche Schulzeugnis-Projekt in Zukunft ebenso auf andere Bildungsnachweise übertragen werden: Die Blockchain-Technologie könnte beispielsweise Ausbildungszeugnisse, Studiennachweise oder berufliche Weiterbildungszertifikate digital und fälschungssicher bereitstellen.